Ohne Stars und Losglück: Triste deutsche Tennis-Aussichten

Aus deutscher Sicht sind die Erwartungen bei den US Open gering, nachdem die beiden Top-Spieler ihren Start abgesagt haben und das Lospech zugeschlagen hat. Für die Höhepunkte sind andere vorgesehen.
Der Kapitän der deutschen Davis-Cup-Mannschaft, Michael Kohlmann, sitzt auf einer Tribüne. © Frank Molter/dpa

Alexander Zverev schuftet auf dem Trainingsplatz für sein Comeback, Angelique Kerber ist schwanger. Die beiden besten deutschen Tennisprofis sind körperlich und gedanklich ganz weit weg von den US Open, die aus deutscher Sicht zu einer sehr tristen Veranstaltung werden könnten.

Neben dem Fehlen der Stars sorgte auch das Lospech für reichlich Ernüchterung vor dem Turnierstart am 29. August in New York. Am Vorabend überraschte dann noch Andrea Petkovic mit ihrer Ankündigung in der ARD-«Sportschau», ihre Karriere zu beenden.

«Die deutschen Herren und Damen sind nicht gerade vom Losglück geküsst worden», sagte Davis-Cup-Teamchef Michael Kohlmann der Deutschen Presse-Agentur. Es wäre eine Überraschung, sollte das letzte Grand-Slam-Turnier des Jahres in der zweiten Woche noch mit deutscher Beteiligung über die Bühne gehen. «Das darf nicht unser Anspruch sein», meinte Kohlmann, «aber in dieser speziellen Situation ist es das, was man leider hinnehmen müsste.»

Aus deutscher Sicht droht Tristesse

Ein Blick auf die Weltrangliste zeigt, wie schwer es das achtköpfige deutsche Team in New York haben wird. Oscar Otte ist vor dem Turnierstart auf Rang 41 am besten platziert, doch dem Vorjahres-Achtelfinalisten fehlt nach seiner Knieverletzung die Spielpraxis. Außerdem ist sein polnischer Auftaktgegner Hubert Hurkacz, Nummer zehn der Welt, ein großes Kaliber.

Womöglich können die Frauen wieder die Bilanz aufhübschen, so wie es Tatjana Maria (Halbfinale) und Jule Niemeier (Viertelfinale) beim Grand Slam in Wimbledon getan haben. Maria (35) sei mit ihrem Kämpferherz «immer für eine Überraschung gut», meinte Damentennis-Chefin Barbara Rittner, der erneute Einzug ins Halbfinale sei auf Hartplatz aber «wohl nicht zu wiederholen».

Zumal Marias starke Auftaktgegnerin am Montag (17.00 Uhr MESZ/Eurosport), die griechische Weltranglisten-Dritte Maria Sakkari, auf Revanche aus ist. In London verlor sie glatt in zwei Sätzen gegen die deutsche Außenseiterin. «Wimbledon hat mir gezeigt, dass ich mit den Besten mithalten kann. Dass ich sie sogar schlagen kann», sagte die zweifache Mutter Maria selbstbewusst.

Überraschende Ankündigung

Bei Niemeier (23), die in der ersten Runde gegen die frühere Australien-Open-Gewinnerin Sofia Kenin aus den USA antritt, dürfe die Öffentlichkeit «nicht den Fehler machen, sich vom Wimbledon-Turnier blenden zu lassen», warnte ihr Trainer Christopher Kas. Andrea Petkovic, die zum Auftakt gegen die Schweizer Olympiasiegerin Belinda Bencic klare Außenseiterin ist, sieht in Niemeier zwar das Potenzial für eine «Top-20-Spielerin». Doch auf Hartplatz habe die Dortmunderin «noch Luft nach oben», urteilte Rittner.

Die 34-jährige Petkovic selbst ist zum Auftakt gegen die Schweizer Olympiasiegerin Belinda Bencic klare Außenseiterin. Möglicherweise ist es das letzte Match ihrer Karriere. «Ich lasse mir noch die Option offen, ein Turnier in Europa dranzuhängen, das ein bisschen näher zu meiner Familie und Freunden ist – aber generell ist das hier mein letztes Turnier», sagte die Darmstädterin in der ARD-«Sportschau». «Vielleicht ist auch schon hier in New York Schluss.»

Serena Williams feiert Abschied

Für die Highlights sind ohnehin andere vorgesehen. Alle Augen sind auf Serena Williams gerichtet, der Abschied der Tennis-Queen dürfte hochemotional werden. Die 23-malige Grand-Slam-Turniersiegerin darf zum Auftakt gegen Danka Kovinic aus Montenegro in der ersten Night Session im Arthur Ashe Stadium vor fast 24.000 Fans antreten und sich - vielleicht ein allerletztes Mal im Einzel - feiern lassen. Später im Turnier tritt die 40-Jährige gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Venus noch einmal im Doppel an.

Bei den Männern peilt der spanische Ausnahmekönner Rafael Nadal seinen 23. Grand-Slam-Titel an. Sein größter Rivale Novak Djokovic durfte wegen seiner fehlenden Impfung gegen das Coronavirus nicht in die USA einreisen, und Altmeister Roger Federer hat noch immer Trainingsrückstand nach einer weiteren Knieoperation. Allerdings steht auch hinter der Fitness von Nadal nach der zuletzt in Wimbledon erlittenen Bauchmuskelverletzung ein Fragezeichen.

Einer von Nadals größten Herausforderern ist Daniil Medwedew. Der Weltranglisten-Erste darf seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigen, weil anders als in Wimbledon ein Start der russischen und belarussischen Spieler trotz des Kriegs in der Ukraine erlaubt ist. Deswegen werden diesmal auch wieder Weltranglistenpunkte verteilt.

© dpa
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