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Ullrich träumt von Rad-Comeback nach Dopingbeichte

Ganz oben, dann ganz unten, und irgendwann fast tot. Rad-Idol Ullrich hat alle Extreme durchlaufen. Er sei wieder gesund und habe mit dem Radsport nicht abgeschlossen - ganz im Gegenteil.
Jan Ullrich
Jan Ullrich hofft auf ein Comeback im Radsport. © Gian Ehrenzeller/Keystone/dpa

Jan Ullrich lacht viel an diesem Abend. Er wirkt befreit. In einem Münchner Kino gibt der einstige Superstar erstmals direkt zu, während seiner Rad-Karriere gedopt zu haben. Für Kenner der Szene ist das freilich keine Neuigkeit mehr, die Beweislage ist seit vielen Jahren klar.

Für Ullrich selbst aber soll diese späte Beichte ein Wendepunkt sein in seinem aufgewühlten Leben, das als Radmärchen begann und zu einem Doping-, Alkohol- und Drogen-Albtraum wurde. «Mein Rucksack ist bedeutend leichter geworden», sagt der 49-Jährige bei der Vorstellung einer vierteiligen Dokumentation («Jan Ullrich - Der Gejagte», Amazon Prime Video, ab 28. November).

Ohne den Extra-Ballast aus Lügen, Whiskey und Kokain hofft der gebürtige Rostocker sogar auf eine Rückkehr in den Radsport. Dort wird er, der einzige deutsche Tour-de-France-Sieger von 1997, seit fast zwei Jahrzehnten zumeist geächtet. «Vielleicht kann man das irgendwann ad acta legen, dass ich auch mal wieder im Radsport irgendetwas machen kann. Warum nicht?», fragt er. Was genau er sich vorstellt, das präzisiert er nicht. Beim deutschen Bora-hansgrohe-Rennstall ist eine Anstellung Ullrichs aber «kein Thema», wie Teamchef Ralph Denk auf dpa-Anfrage sagte.

Radsport weiter die Leidenschaft

Ullrich hofft auf ein Umdenken, auf ein Vergeben. «Ich habe so viel Erfahrung und ich liebe den Sport nach wie vor. Das ist meine Leidenschaft», sagt der frühere Team-Telekom-Star. «Die Radsport-Familie ist immer noch seine Identität», erzählt Mike Baldinger, der Freund und Manager des Ex-Profis. In der vierteiligen Dokumentation unterstreicht er, wie wichtig dem Olympiasieger von 2000 das Wohlwollen in der Szene sei. «Einen Haken kann er dann dran machen, wenn er merkt, wie die Resonanz in der Radsport-Familie ist.»

Viele Fans von früher halten ohnehin weiter zu ihrem Idol - und neue Feinde macht sich Ullrich mit seiner Beichte wohl auch nicht. Er verrät nämlich keine Details zum Doping von damals, nennt keine Hinterleute, Dealer, Ärzte oder Mitwisser. «Ich kann nur über mich reden», meint er auf Nachfrage. «Ich will keinen mit reinziehen. Ich weiß viel mehr, aber ich würde es nie sagen. Das ist aber auch eine Charakterfrage.» Doping-Jäger und Ermittler vergleichen solch ein Schweigen mit der aus der Mafia bekannten Omertà - und die ist im Radsport noch dominanter als illegale Substanzen zur Leistungssteigerung.

Ullrich will mit dem Thema abschließen. Zu einem möglichen Szenario, dass ihm sein Gesamttriumph bei der Tour 1997 aberkannt wird, sagt er: «Ich weiß, was ich geleistet habe. Ich persönlich glaube, mir steht der Titel zu. Das müssen andere entscheiden. Aber in meinem Herzen bin ich Tour-de-France-Sieger.»

Nach Jahren der Extreme geht es für den Vater von vier Kindern darum, sich selbst zu finden und nicht wieder zu verlieren. «Ich war ganz oben, ich war ganz unten. Mir gefällt die Mitte ganz gut», sagt er. Dort zu bleiben, das ist sein Ziel.

Armstrong als Retter

2018 kosteten ihn Kokain, harter Alkohol und zwielichtige Gestalten fast das Leben. Einer seiner Retter war damals just der frühere Dauerrivale Lance Armstrong, der von Ullrichs Freund Baldinger zu Hilfe gerufen wurde und erschrak, als er den Deutschen dann persönlich erblickte. «Das war eines der furchterregendsten Dinge, die ich in meinem Leben je gesehen habe», sagt der Amerikaner in dem Film. Inzwischen sind die Ex-Profis, die sich Ende der 90er- und Anfang der Nullerjahre legendäre Tour-Duell geliefert hatten, Kumpels.

«Jan braucht Zeit», meint Armstrong. «Er muss gesund sein und sich Zeit geben.» So sieht das auch Rudy Pevenage, der frühere Sportliche Leiter in Ullrichs Mannschaften. Der Belgier hatte seinen einstigen Schützling selbst in der schlimmen Phase auf Mallorca regelmäßig besucht und schaute auch vorbei, als Ullrich danach in Entzugskliniken war. «Ich kenne den Jan. So wie es jetzt ist, kommt er durch das Leben und ist motiviert. Er trinkt nicht mehr und ich hoffe, das bleibt so», erzählt der Vertraute der Deutschen Presse-Agentur.

Der einstige Telekom-Teamkollege Jens Heppner ist froh, dass Ullrich sich für die Dokumentation und das Geständnis entschieden hat. «Er ist jetzt erlöst», sagt der frühere Tour-Helfer. «Er hat alles noch mal aufgearbeitet und ich hoffe oder wünsche ihm, dass er jetzt nicht mehr so eskaliert wie die letzten Jahre - weil ich glaube, das überlebt er dann irgendwann nicht mehr.» Das scheint auch Ullrich begriffen zu haben.

© dpa ⁄ Manuel Schwarz und Stefan Tabeling, dpa
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