Tag der Angst: Degenkolb feiert, Rad-Leichtgewichte zittern

05.07.2022 Vor vier Jahren gewann John Degenkolb die bisher letzte Kopfsteinpflaster-Etappe der Tour de France. Jetzt geht es wieder über die Holper-Pisten Nordfrankreichs. Der Routinier kann es kaum erwarten.

Kopfsteinpflaster-Spezialist: John Degenkolb (r). © David Stockman/BELGA/dpa

Am Tag der Angst geht John Degenkolb das Herz auf. Wenn die Tour de France am Mittwoch die Kopfsteinpflaster-Etappe zum berüchtigten Wald von Arenberg in Angriff nimmt, ist der Routinier in seiner Wohlfühlzone.

«Ich habe mir diese Etappe natürlich rausgepickt», sagt der 33-Jährige. Schließlich steht ein Triumph bei Paris-Roubaix 2015 in seinem Lebenslauf. Zudem siegte der gebürtige Thüringer 2018, als die Tour das bisher letzte Mal durch die «Hölle des Nordens» führte.

Worauf Degenkolb sich freut wie ein kleines Kind, löst bei den Anwärtern auf den Gesamtsieg bisweilen Panik aus. «Am Ende wird es viele geben, die froh sind, wenn es vorüber ist», sagt Degenkolb über die 153,7 Kilometer lange fünfte Etappe. «Sie werden froh sein, wenn sie nur eine oder zwei Minuten verloren haben oder nicht komplett nach Hause fahren müssen.»

Erinnerungen an Paris-Roubaix

Elf Abschnitte über die sogenannten Pavés haben die Streckenplaner in das Teilstück eingebaut. Vier davon werden regelmäßig beim Klassiker Paris-Roubaix gefahren. Während es 2018 viele kurze Sektoren gab, so sind sie in diesem Jahr ausgesuchter und länger. «Die kumulative Distanz ist weniger wichtig als die Länge, die jeder Sektor aufweist», betont Streckenchef Thierry Gouvenou.

Verläuft es nach Plan, müssen sich die Top-Stars keine Sorgen machen. Primoz Roglic und Jonas Vingegaard haben den belgischen Klassiker-Star Wout van Aert als Navigator an ihrer Seite. Auf Alexander Wlassow, Kapitän des deutschen Teams Bora-hansgrohe, passen der frühere Roubaix-Zweite Nils Politt und Österreichs Kraftpaket Marco Haller auf. Titelverteidiger Tadej Pogacar hat zwar in Matteo Trentin seinen wichtigsten Helfer durch eine Corona-Infektion verloren, hat aber im Frühjahr bereits seine Qualitäten auf Kopfsteinpflaster gezeigt.

Natürlich gibt es viele Stimmen gegen so eine Etappe bei der Tour. Das hat gewissermaßen Tradition. Simon Geschke kritisierte, dass es den Tour-Veranstaltern nur auf das Spektakel ankomme - und damit mag der Berliner nicht unrecht haben. Auch Bora-hansgrohe-Teamchef Ralph Denk hält nichts von der Etappe. «Ich finde das nicht gut. Man kann die Tour nicht gewinnen, aber verlieren. Man trainiert neun Monate für die Tour, und dann verliert man alles wegen eines Reifenschadens», sagte der Bayer. Den Klassiker Paris-Roubaix «finde ich mega. Alles soll zu seiner Zeit sein.»

Chaos erwartet

In der Tat gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen einem Klassiker auf Kopfsteinpflaster und einer Tour-Etappe. Während bei dem Klassiker nur Spezialisten vorn sind, wollen bei der Tour auch die Kapitäne als Erste auf die Pflasterpassagen - und die sind eher der Kategorie 60-Kilo-Bergfloh zuzuordnen als einem kraftvollen Treter, der mit 15 bis 20 Kilogramm mehr auf den Rippen über das Pflaster gleitet. Das führt zwangsläufig zu Chaos.

John Degenkolb wird jedenfalls Spaß haben. Ob es für ein gutes Ergebnis reicht, weiß er noch nicht. Die Auswirkungen seiner Corona-Infektion kurz vor der Tour kann er noch nicht einschätzen. Nur eine Sache dürfte sicher sein. Degenkolb wird vor dem Start noch einmal die Toilette aufsuchen. Quasi als Sicherheitsmaßnahme. Degenkolb meint: «Das ist ein Tag, an dem die Spannung enorm hoch sein wird. Es wird von Anfang bis zum Ende Vollgas gefahren. Man wird vielleicht nicht einmal Zeit haben zum Pinkeln.»

© dpa

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