Ovtcharov, Neu-Ulm und Krieg: Die Geburt eines Superteams

So ein Team gab es im Tischtennis noch nie. Der TTC Neu-Ulm hat für die kommende Saison vier Weltstars verpflichtet. Was spektakulär klingt, wäre ohne den Krieg in der Ukraine nie möglich gewesen.
Baut in seinem neuen Verein ein Superteam: Dimitrij Ovtcharov. © Marijan Murat/dpa/Archivbild

Düsseldorf gegen Saarbrücken im deutschen Pokalfinale. Düsseldorf gegen Saarbrücken im Halbfinale der Champions League.

Und auch an diesem Samstag heißt es in Frankfurt am Main wieder: Borussia Düsseldorf gegen den 1. FC Saarbrücken im Endspiel um die deutsche Tischtennis-Meisterschaft (14.00 Uhr/Sport1 und Sportdeutschland.TV). Doch mit dieser Dominanz könnte es bald vorbei sein. Der Bundesliga-Rivale TTC Neu-Ulm hat für die nächste Saison einen Kader zusammengestellt, über den der deutsche Nationalspieler und frühere Weltranglisten-Erste Dimitrij Ovtcharov sagt: «Von der Attraktivität und den Weltranglisten-Positionen her ist das wahrscheinlich das beste Team, das je in Europa aufgeboten wurde.»

Denn neben Ovtcharov selbst werden noch für Neu-Ulm spielen: Das japanische «Wunderkind» Tomokazu Harimoto. Der schwedische Vizeweltmeister Truls Möregardh. Und der Olympia-Vierte Lin Yun-Ju aus Taiwan. Selbst Düsseldorfs Europameister Timo Boll freut sich über diese namhafte Konkurrenz. Da die vier Stars primär für die Champions League verpflichtet wurden, will der TTC in der Bundesliga einen Großteil jener russischen Nationalmannschaft einsetzen, die erst im vergangenen September das EM-Finale gegen Deutschland verlor.

Ovtcharov erwartet klare Haltung

Die Tatsache, dass der in Kiew geborene Ovtcharov und die drei besten Spieler Russlands künftig zu einem Team gehören, zeigt aber auch: Die Geschichte des TTC Neu-Ulm erzählt nicht bloß etwas über große sportliche Ambitionen. Sondern noch viel mehr etwas über die Folgen des russischen Angriffskriegs in der Ukraine für den Sport.

«Ich erwarte von den jungen Athleten nicht, dass sie sich jetzt zwingend im Fernsehen oder in der Zeitung positionieren. Aber wenn ich die Jungs sehe, dann muss ich da schon eine klare Haltung erkennen, dass sie gegen den Krieg sind», stellte Ovtcharov im ZDF-Sportstudio klar. Dass sich der Neu-Ulmer Macher Florian Ebner trotzdem «keine Sorgen über den Alltag in diesem Team macht», hat etwas mit der speziellen Entwicklung seines Clubs zu tun. Und auch mit dem Werdegang der drei noch sehr jungen russischen Spieler.

Russische Teenager schon seit Jahren in Ulm

Der TTC Neu-Ulm wurde erst vor drei Jahren von dem Medienunternehmer Ebner gegründet. Jeweils dank einer Wildcard stieg das Profiteam 2019 gleich in der Bundesliga und 2021 auch das erste Mal in der Champions League ein. Im Jahr dazwischen verpflichtete Ebner den russischen Trainer Dimitri Mazunow, der seit 1992 in Deutschland lebt.

Unabhängig von seiner Tätigkeit als Bundesliga-Trainer leitet Mazunow bereits seit Jahren eine Trainingsgruppe um die jungen Russen Maksim Grebnew (20), Lev Katsman (21) und Wladimir Sidorenko (20), die dafür schon im Teenager-Alter nach Deutschland zogen. Katsman und Sidorenko spielen bereits für Neu-Ulm. Grebnew wurde noch vor Kriegsbeginn für die kommende Saison vom TSV Bad Königshofen engagiert.

Mit dem Krieg fehlt die Perspektive

Der Überfall auf die Ukraine bewirkte jedoch, dass russische Spieler nicht mehr bei internationalen Turnieren und nicht mehr in der Champions League spielen dürfen. Der ambitionierte TTC hatte auf einmal keine Mannschaft für den wichtigsten Wettbewerb mehr - und drei der größten Talente Europas keine sportliche Perspektive.

«Auf zwei Jahre Corona folgt nun dieser Ausschluss», sagte Ebner der Deutschen Presse-Agentur. «Also müssen die drei befürchten, dass sie ab dem Alter von 18 über mehrere Jahre keine internationalen Turniere mehr gespielt haben. Normalerweise können sie den Anschluss an die internationale Spitze danach nur noch schwer wieder herstellen.»

Die Neu-Ulmer dachten nach dem russischen Angriff kurz darüber nach, die Verträge mit Grebnew, Katsman und Sidorenko aufzulösen. «Aber bis zur Entscheidung hat es nur eine Sekunde gedauert», sagte Ebner. «Sie sind lange von zu Hause weg, sie haben ihr Leben dem Tischtennis gewidmet. Diese Perspektive hätte ich unannehmbar gefunden.»

Ovtcharov sieht das im Kern genauso. Und das obwohl er seinen russischen Club Fakel Orenburg aus Protest gegen den Krieg nach fast zwölf Jahren verließ. Eine Folge davon war aber auch, dass im April plötzlich zwei Leute ein Team für die Champions League suchten: Ovtcharov als Spieler, Ebner für seinen Verein. Beide kennen sich seit Jahren und wurden sich auch schnell einig. Genau in diesem Moment begann die große Transferoffensive des TTC Neu-Ulm.

Ebner und Ovtcharov bauen ein Superteam

«Dima fragte mich: Wen hättest du gern? Und ich sagte: Der Lieblingsspieler meines Sohnes ist Harimoto. Dabei war das gar nicht ernst gemeint», erzählte Ebner. «Aber er sagte mir nur: Florian, gib mir zwei Tage. Und es klappte. Ich hätte nicht mal Harimotos Manager ans Telefon gekriegt. Aber Dimitrij Ovtcharov hat eine solche Strahlkraft und so viele Beziehungen: Er hat ihn einfach angerufen.»

Mit Lin spielte Ovtcharov bereits in Orenburg zusammen. Den Transfer von Möregardh fädelte Ebner ein. Seit es die neue Turnierserie «World Table Tennis» gibt, bleibt den Topspielern immer weniger Zeit, um für einen Verein zu spielen. Auf den Liga-Alltag verzichten zu können und fast nur in der Champions League dabei zu sein, ist für Stars dieser Kategorie sehr attraktiv. Für Ovtcharov, Möregardh und Lin besorgte der TTC-Macher allerdings auch eine Bundesliga-Lizenz, weil sein Club unbedingt mal das Finalturnier um den deutschen Tischtennis-Pokal erreichen will: Das wird jedes Jahr in Neu-Ulm ausgetragen.

© dpa
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