Kindesmissbrauch im Sport: Aufklärung wird oft behindert

Es wird ihnen schwer gemacht, doch Betroffene von Gewalt und Missbrauch im Sport haben sich Gehör verschafft. Ihre Erzählungen wühlen auf - und zeigen gleichzeitig Handlungswege auf.
Im Bundesfamilienministerium wird die Studie «Sexualisierte Gewalt und sexueller Kindesmissbrauch im Kontext des Sports» vorgestellt. © Wolfgang Kumm/dpa

Es sind erschütternde Erzählungen. Junge Sportler und Sportlerinnen, Kinder und Jugendliche, denen von ihren Trainern und Betreuern schwere Gewalt angetan wurde.

«Vor dem Machtmissbrauch, der Gewalt liegt das Vertrauen», sagt Angela Marquardt. Gerade im Sport existiere viel Vertrauen, etwa aufseiten der Eltern, die ihre Kinder in einen Sportverein geben. Vertrauen, das ausgenutzt werden kann. Marquardt ist Mitglied des Betroffenenrats bei der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Am Dienstag präsentierte die Kommission eine Studie zu sexueller Gewalt und Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Sport. Es gehe in den meisten Berichten um schwere körperliche sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen, sagt Sportsoziologin Bettina Rulofs.

Männlich dominierte Hierarchien

Nur die wenigsten Fälle werden demnach aufgedeckt und aufgearbeitet. Stattdessen erlebten Betroffene häufig, dass ihre Erfahrungen negiert, bagatellisiert und verschleiert werden. Es sind keine Einzelfälle. Besonders im organisierten Sport tragen die Strukturen demnach dazu bei, dass Aufklärung und Aufarbeitung erschwert wird. Dazu gehöre die Fixierung auf den sportlichen Erfolg, die Abhängigkeit von ehrenamtlichen Mitarbeitenden sowie das große Machtgefälle zwischen Sportlerinnen und Sportlern und den Trainern. Die Täter sind überwiegend männlich, aus dem direkten oder nahen Umfeld und stehen in machtvollen Positionen. Grundlage der Studie sind 72 Berichte von Betroffenen sowie Zeugen und Zeuginnen.

Das in der Gesellschaft positive Image des Sports trage auch dazu bei, dass viele Betroffene kein Gehör fänden, weil sie diese positive Erzählung durchbrächen. «Verbände, Vereine und Verantwortungsträger im Sport entwickeln aus Perspektive der Betroffenen eine enorme Hartnäckigkeit und Unverfrorenheit, wenn es darum geht, sich vor die Täter zu stellen und die Erfahrungen von Betroffenen abzuwehren», sagt Rulofs.

Mit schweren Folgen für die Betroffenen: «Es ist immer da und geht nicht aus dem Kopf», sagt eine von ihnen in der Studie. Rulofs sagt: «Sie leiden häufig unter gesundheitlichen Folgeschäden, unter posttraumatischen Belastungsstörungen, unter Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen.» Noch immer sei das Tabu groß, über diese Erfahrungen zu sprechen. Dementsprechend groß ist die Dankbarkeit für diejenigen, die darüber sprechen.

Versagen der Organisationen?

Marquardt sieht ein Versagen der Organisationen und Institutionen. «Es sind immer wieder die Betroffenen, die diese Wege gehen müssen», sagt sie. Der beste Dank für sie wäre «eine konsequente und schonungslose Aufarbeitung im Sport, konsequentes Handeln und die Wahrheit über das, was auch im Sport passiert, zuzulassen.» Dazu bräuchte es ein Recht auf Aufarbeitung und Handlungskonzepte, die solche Vorfälle verhindern helfen. «Der Sport hat sich diesem Thema zu stellen», sagt Marquardt.

Auch wenn sie, Rulofs und auch Heiner Keupp, Mitglied der Aufarbeitungskommission, sich einig sind, dass es schon viele Anstrengungen für Verbesserungen gebe, bleibe es ein aktuelles Thema, nicht nur eines der Vergangenheit. Neben vielem anderen bräuchte es unabhängige Anlaufstellen für Betroffene. So wie es das von der Vereinigung Athleten Deutschland angeregte Zentrum für Safe Sport sein könnte. «Ihre Befunde erschüttern uns», hieß es in einer Mitteilung der Vereinigung. «Auch wir finden unsere anekdotischen Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Betroffenen in der Studie wieder». Einmal mehr werde die Notwendigkeit einer unabhängigen Instanz sowie unabhängigen Anlauf-, Melde- und Untersuchungsmechanismen deutlich.

Dass die Finanzierung des Zentrums noch immer nicht gesichert ist, weil sich der organisierte Sport, unter anderem der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), nicht beteiligen wolle, sorgte auf dem Podium in Berlin für Unverständnis. «Wir sind uns der Verantwortung bewusst», beteuerte der DOSB in einer ersten Reaktion auf die Studie. Der Dachverband unterstützt das Zentrum, spricht sich allerdings für eine vollumfängliche und langfristige Finanzierung durch den Bund aus. «Wasch meinen Pelz, aber mach' nicht nass. Da lassen wir den Sport mit Sicherheit nicht aus der Verantwortung», sagt Marquardt.

© dpa
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