Ruderer auf der Suche nach alter Schlagkraft

Im Deutschen Ruderverband herrscht angespannte Stimmung. Auch während der WM hält die Debatte um nachlassende Erfolge und nötige Reformen an. Sportler und Verbandsspitze finden nur schwer zueinander.
Im Deutschland-Achter hat es einen Corona-Fall gegeben. © Sven Hoppe/dpa

Der Glanz vergangener Tage ist lange verblasst. Aus dem einstmals erfolgreichen Deutschen Ruderverband (DRV) ist ein Problemfall geworden. Die Suche nach Wegen zurück zu alter Schlagkraft wird durch wachsende Spannungen zwischen Athleten und Verbandsspitze erschwert.

Erste Bemühungen, noch vor der seit Sonntag laufenden WM die Wogen zu glätten, trugen nur bedingt zur Entschärfung der Debatte bei. «Wir haben viele Gespräche mit Sportlern geführt. Aber so richtig konkret sind wir noch nicht weitergekommen», bekannte Cheftrainerin Brigitte Bielig.

DRV-Vorsitzende: «Wir haben ganz andere Ansprüche»

Spätestens seit der enttäuschenden Heim-EM vor gut fünf Wochen in München mit nur einmal Bronze in den 14 olympischen Bootsklassen herrscht Alarmstimmung. «So kann es nicht weitergehen. Als der größte Ruderverband der Welt haben wir ganz andere Ansprüche», klagte der DRV-Vorsitzende Moritz Petri und kündigte erste Maßnahmen an. Ein aus ehemaligen Athleten, einem Sportwissenschaftler und Funktionären bestehender Expertenrat soll Lösungen erarbeiten. Darüber hinaus ist die Erstellung eines Konzepts zur Förderung des Spitzensports sowie die Herausarbeitung von Kernwerten zur Optimierung der Zusammenarbeit zwischen Sportlern, Trainern und Funktionären vorgesehen.

Diese Reformbemühungen stoßen bei vielen Sportlern auf Skepsis. So bezeichnete Achter-Schlagmann Torben Johannesen die Zusammenstellung des Expertenrates als «Farce. Weil dort Leute drinsitzen, die im Fokus der Kritik stehen. Die kontrollieren sich quasi selbst», kritisierte der 28 Jahre alte Hamburger unlängst in den «Ruhr Nachrichten» und forderte konsequenteres Vorgehen: «Man verliert das Vertrauen in den Verband, weil viel angekündigt, aber nichts umgesetzt wird. Es wird immer nur Leistung verlangt, ohne dass wir Werkzeuge bekommen, das auch umzusetzen. Wir Sportler brauchen einen Plan, wie wir in die internationale Spitze zurückkommen.»

Ein Streitpunkt ist zudem der Plan der Verbandsspitze, den Trainingsbetrieb noch stärker an den drei Leistungsstützpunkten zu konzentrieren. Dagegen begehren vor allem einige Skuller um den ehemaligen Einer-Weltmeister (2019) Oliver Zeidler auf, die weiter in Eigenregie und nicht am für sie vorgesehenen Stützpunkt Hamburg/Ratzeburg trainieren wollen.

Bielig hofft auf eine Trendwende

Das Werben der Trainer und Funktionäre für die angedachten Reformen während der WM-Vorbereitung in Zakopane (Polen) und Völkermarkt (Österreich) trug nur bedingt zur Verbesserung des Binnenklimas bei. Ähnlich unbefriedigend verlief offenbar auch ein Krisengespräch von Bielig und Sportdirektor Mario Woldt mit Zeidler, der die Debatte bereits vor der EM mit harscher Kritik ausgelöst hatte. «Außer viel Blabla ist nichts Konstruktives herausgekommen. Man ist nicht bereit, nach den Ursachen der Probleme zu suchen und sie zu beheben», kommentierte Zeidler in der «Welt am Sonntag».

Fällt die Bilanz bei der WM ähnlich desaströs wie in München aus, könnte sich der Disput noch verstärken. Doch die Aussichten auf mehr Medaillen sind bescheiden. Außer den beiden Einern mit Zeidler und der EM-Dritten Alexandra Föster gibt es bei den Endläufen am Wochenende keine Anwärter auf einen Podestplatz. Selbst der ruhmreiche Deutschland-Achter scheint nach seinem enttäuschenden vierten Rang im WM-Vorlauf derzeit weit von der Weltspitze entfernt.

Bielig hofft auf eine Trendwende für einen Großteil der DRV-Flotte im kommenden vorolympischen Jahr, in dem ein Großteil der Startplätze für Paris 2024 vergeben wird: «Wir dürfen uns nicht mehr verzetteln und müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten. Wer da nicht richtig mitmachen will, hat schlechte Karten, ins Boot zu kommen.»

© dpa
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