Abschiebe-Krimi um Djokovic: Entscheidung vor Bundesgericht

14.01.2022 Der Fall Novak Djokovic geht in die nächste Runde. Nach der erneuten Annullierung seines Visums und dem angekündigten Einspruch seiner Anwälte soll nun das Bundesgericht für Klarheit sorgen.

Der serbische Titelverteidiger Novak Djokovic trainiert vor den Australian Open in Melbourne. Foto: Mark Baker/AP/dpa © dpa - Deutsche Presse-Agentur GmbH

In seinem schier endlosen Abschiebe-Krimi droht Novak Djokovic eine Ausweisung nur wenige Stunden vor dem Start der Australian Open.

Ein Bundesgericht soll am Sonntag eine endgültige Entscheidung im Fall des ungeimpften Serben treffen, nachdem ihm zum zweiten Mal das Visum für Australien entzogen worden ist. Schon für Montag ist eigentlich das Auftaktspiel des Weltranglisten-Ersten beim Grand-Slam-Tennisturnier in Melbourne geplant. Ob der 34 Jahre alte Titelverteidiger nach der tagelangen Corona-Posse antreten kann, darüber herrscht auch nach dem Machtwort von Einwanderungsminister Alex Hawke am Freitag keine Klarheit.

Abgeschoben werden darf Djokovic zwar bis zum Urteil des Gerichts über seinen Einspruch nicht, seine Vorbereitung auf die Australian Open aber ist empfindlich gestört. Konzentriertes Training? Mitnichten.

Schon am Samstagmorgen (Ortszeit) sollte Djokovic zur Anhörung bei der Einwanderungsbehörde erscheinen. Bis dahin durfte der Australian-Open-Rekordchampion in seiner privaten Unterkunft verbleiben. Es folgt eine erste Anhörung vor dem Bundesgericht, anschließend darf er für mehrere Stunden mit seinen Anwälten über die weitere Strategie beraten. Dann soll er über Nacht erneut ins Abschiebehotel, in dem er schon ein paar Nächte verbrachte.

Eine unendliche Corona-Geschichte

Es sind die nächsten Kapitel in einer unendlichen Corona-Geschichte um Djokovic. Wie erwartet legten die Anwälte des 20-fachen Grand-Slam-Turniersiegers am Freitag Einspruch gegen die Verkündung von Hawke ein. Seit Montag hatte der Einwanderungsminister seine Entscheidung hinausgezögert. Erst am Freitag gegen 18.00 Uhr gab er bekannt, von seinem persönlichen Recht Gebrauch zu machen, Djokovics Visum zu annullieren.

Dies sei gut begründet und «im öffentlichen Interesse», teilte der Minister mit. Djokovic ist nicht gegen das Coronavirus geimpft und deswegen eine umstrittene Person in dem Land, das seit Beginn der Pandemie harte Regeln aufgestellt hat. Eine Teilnahme des Weltranglisten-Ersten an den Australian Open war damit zwar noch nicht ausgeschlossen, ist aber nun unwahrscheinlich. Nur das Wochenende bleibt dem Rekordsieger, um sich die Chance auf den erhofften Tennis-Meilenstein zu erhalten. Im Falle der Teilnahme müsste Djokovic am Montag gegen Landsmann Miomir Kecmanovic ran.

Kritik von Djokovics Anwälten

Noch am Freitagabend hatte der bereits mit dem Fall befasste Richter Anthony Kelly eine Sitzung angesetzt, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Wie immens weltweit das Interesse ist, zeigte sich auch daran, dass Zehntausende die Youtube-Übertragung verfolgten. Zwischenzeitlich stockte die Live-Übertragung. «Jede Minute, bevor das Turnier am Montag beginnt, ist kostbar», sagte Djokovics Anwalt.

Zugleich kritisierte der Jurist, dass die Entscheidung «irrational» und unverhältnismäßig gewesen sei. Außerdem monierte er, dass Hawke mit seiner Entscheidung so lange gewartet habe und so Djokovic in eine schwierige Situation gebracht habe.

Mit Unverständnis reagierte auch der ehemalige deutsche Davis-Cup-Kapitän und frühere Djokovic-Trainer Niki Pilic. Er sei «nicht überrascht», sagte der 82-Jährige nach Angaben der serbischen Nachrichtenagentur Tanjug. Die Politiker hätten «entschieden, dass sie auf Kosten von Novak politische Punkte sammeln wollen», sagte Pilic und schimpfte, man habe Djokovic seit seiner Ankunft «wie einen Verbrecher» behandelt. «Novak hat das nicht verdient, sie sollten sich schämen», so Pilic. In serbischen Boulevardmedien war von «Lynchstimmung» zu lesen.

Sportliche Themen spielen keine Rolle

Seit zehn Tagen verdrängt die Posse um Djokovic alle sportlichen Themen: Wie die Form von Olympiasieger Alexander Zverev ist oder ob der Hamburger in den kommenden zwei Wochen tatsächlich seinen ersten Grand-Slam-Titel angreifen kann, rückt komplett in den Hintergrund. Die Corona-Geschichte um Djokovic verschafft den Australian Open vor dem Auftakt eine nie dagewesene Aufmerksamkeit. Aber in einer Art, wie sie sich Turnierboss Craig Tiley nicht gewünscht haben dürfte.

Eigentlich dürfen nur geimpfte Spielerinnen und Spieler bei den Australian Open antreten. Djokovic hatte eine medizinische Ausnahmegenehmigung beantragt und angegeben, er sei im Dezember positiv getestet worden. Der australische Tennisverband hatte ihm die Sondererlaubnis erteilt, zwei Expertengremien hatten seinen Fall untersucht. Bereits bei der Ankunft in der vergangenen Woche hatten die Behörden Djokovic die Einreise allerdings verweigert und die vorgelegten Dokumente für seine medizinische Ausnahmegenehmigung als unzureichend eingestuft. Weil ihm dabei aber nicht genug Zeit zum Reagieren zugestanden wurde, kippte Richter Kelly das Einreiseverbot im Laufe einer Gerichtsverhandlung am Montag.

Regierungschef begrüßt Entscheidung

Djokovic bereitet sich seitdem auf der Tennis-Anlage am Yarra River auf die Australian Open vor. Mit einem zehnten Triumph würde er seinen 21. Grand-Slam-Titel holen und sich zum alleinigen Rekord-Grand-Slam-Turniersieger küren. Momentan teilt er sich diese Bestmarke mit Rafael Nadal und dem seit Monaten pausierenden Roger Federer. Am Freitag trainierte die Nummer eins der Weltrangliste schon früh am Tag statt wie ursprünglich geplant erst am Nachmittag. Was sich danach entwickelte, konnte er da noch nicht wissen.

«Diese Pandemie war für jeden Australier unglaublich schwierig, aber wir haben zusammengehalten und Leben und Existenzen gerettet. Gemeinsam haben wir eine der niedrigsten Sterblichkeitsraten, die stärkste Wirtschaft und die höchsten Impfraten der Welt erreicht», teilte der australische Regierungschef Scott Morrison mit und begrüßte die Entscheidung von Hawke: «Die Australier haben während dieser Pandemie viele Opfer gebracht, und sie erwarten zu Recht, dass das Ergebnis dieser Opfer geschützt wird.»

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