Russlands Sportler kämpfen um Verschonung vom Kriegsdienst

Hunderttausende Russen fliehen vor einem möglichen Kriegsdienst in der Ukraine. Für viele Sportler aber ist Flucht keine Option. Sie setzen auf andere Wege.
Wurde in Juli für das russische Militär eingezogen: Iwan Fedotow. © Matt Slocum/AP/dpa

Der Krieg in der Ukraine trifft zunehmend auch Russlands Sportwelt. Nicht nur der Ausschluss von russischen Athleten bei internationalen Wettkämpfen und viele andere Sanktionen des Westens machen der stolzen Sportnation zu schaffen.

Einige Trainer und Athleten packten ihre Koffer, nachdem Kremlchef Wladimir Putin am 24. Februar seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hatte. Aktuell aber fürchten etwa Fußball- und Eishockeyvereine, Eiskunstlauf- und Leichtathletikverbände um ihre Substanz, weil immer mehr Athleten zum Kriegsdienst einberufen werden. Sterben als «Kanonenfutter» auf dem Schlachtfeld in Putins Krieg will aber niemand. 

«Der Sport kann nicht wie eine getrennte feine Gesellschaft behandelt werden, die irgendwelche außergewöhnlichen Privilegien erhalten sollte», sagte Sportminister Oleg Matyzin vorige Woche auf dem Forum «Russland – eine Sport-Großmacht». Auch die Athleten müssten sich als Patrioten erweisen. Aber öffentlich bekennen sich nur wenige zur «Pflicht der Vaterlandsverteidigung», wie der Machtapparat das nennt.

Viel beachtet wurde deshalb, als sich nun Ex-Boxweltmeister Nikolai Walujew per Video zu Wort meldete und behauptete, er habe als Reservist einen Musterungsbescheid. Dass der 49-Jährige, der sich auf seinen Schutzstatus als Abgeordneter der Staatsduma berufen könnte, am Ende für Putin in den Krieg gegen die Ukraine zieht, bezweifeln aber viele. Manch einer hält das vielmehr für einen Propagandatrick mit Blick auf die Hunderttausenden Männer, die aus Russland derzeit flüchten, um nicht als Reservisten eingezogen zu werden.

Sportverbände fordern Ausnahmen

Derweil sieht sich Sportminister Matyzin mit einer ganzen Welle an Anfragen von Sportverbänden konfrontiert, die Ausnahmen fordern für Fußballer, Eishockeyspieler, Schwimmer und Leichtathleten. Sie argumentieren, dass etwa auch IT-Spezialisten, die Vertreter der Staatsmedien und andere Gruppen vom Verteidigungsministerium offiziell verschont bleiben. 

Aber der frühere Tischtennis-Profi Matyzin gilt als Mann ohne großen Einfluss in der Politik. So zeigt der 58 Jahre alte Funktionär, der neben dem Kampf gegen Doping noch viele Baustellen hat, allenfalls Verständnis für die Sorgen. «Ja, wir verstehen, dass die Sportler und Trainer der goldene Schatz sind, also vor allem jene, die sich auf die Olympischen Spiele vorbereiten.» Vielleicht, meinte Matyzin, könnten «einzelne Kategorien» einen Aufschub erhalten. Er sei dazu im Dialog mit der Regierung.

Allerdings teilte auch der Chef des Olympischen Komitees Russlands, Stanislaw Posdnjakow, mit, dass er nichts tun könne. Der «Dienst für die Heimat» gehöre eben zu den ehrenvollen Pflichten der Bürger. Er sagte nicht, ob er damit auch die vielen prominenten Sportler meint, die erst nach den Olympischen Winterspielen in Peking als Auszeichnung hohe militärische Ränge erhielten. Unter Russlands Biathleten etwa gibt es einige Offiziere der Reserve, darunter Alexander Loginow und Eduard Latypow. Im Moment aber erhalten vorrangig weniger prominente Sportler ihre Einberufungsbescheide.

Fehlende Kämpfererfahrung

Ein Beispiel ist der 24 Jahre alte Alexander Samarin, Vize-Europameister im Eiskunstlauf von 2019. Wie ihm geht es vielen: Er trainiert zwar in einem Armeesportverein, hat aber wie fast alle keine Kampferfahrung. Eigentlich gilt dies als Voraussetzung für den Kriegsdienst. Aber selbst Kremlchef Putin musste einräumen, dass es viele Verstöße gebe und Menschen zu Unrecht einberufen würden.

Viele Sportler fühlen sich indes nicht vertreten, weshalb sie Auswege suchen. Ein Gericht in der Millionenstadt Ufa verurteilte den Eishockeyspieler Wladislaw Lukin am Montag zu 2,2 Millionen Rubel Strafe (rund 38.000 Euro), weil er über einen Mittelsmann versucht haben soll, sich beim Kreiswehrersatzamt vom Kriegsdienst freizukaufen. 230.000 Rubel Schmiergeld (rund 4000 Euro) soll der Spieler des Clubs Jurga aus Chanty-Mansijsk dafür bezahlt haben. Lukin war nicht der einzige.

Fedotow-Einberufung sorgt für Aufsehen

Für Aufsehen sorgte bereits im Sommer auch die Einberufung des Torhüters der Eishockey-Nationalmannschaft, Iwan Fedotow. Ein Einsatz im Kriegsgebiet droht ihm derzeit zwar nicht, weil Wehrdienstleistende dort nicht kämpfen sollen. Aber niemand weiß, wie lange der Krieg dauert – und wie weit Putin mit seiner Mobilmachung geht. Der 25-jährige Fedotow, der bei den Olympischen Winterspielen in Peking maßgeblich an der Silbermedaille der Sbornaja beteiligt war, wurde Anfang Juli eingezogen. 

Russische Kommentatoren meinten, dass es sich in dem Fall wohl um einen militärischen Strafdienst für den ehemaligen ZSKA-Spieler handele. Fedotow hatte im Mai einen Einjahresvertrag bei den Philadelphia Flyers in der nordamerikanischen National Hockey League unterschrieben. Statt in die USA ging es für den Star aber in den tristen russischen Norden auf einen Militärstützpunkt im Gebiet um die Hafenstadt Archangelsk.

© dpa
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