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Völler hilft nur einmal aus: Nicht «die Hose voll haben»

Hansi Flick ist Geschichte. Rudi Völler will mit einigen Sofortmaßnahmen gegen Frankreichs Top-Équipe die Gegenwart verbessern. Um die Zukunft kümmert er sich mit dem DFB danach.
Rudi Völler
Rudi Völler (M) schließt den Job als Teamchef bis zur Heim-EM für sich aus. © Federico Gambarini/dpa

Rudi Völler nimmt die unerwünschte Rolle als Nothelfer auf der Trainerbank mit Herzblut und vollem Einsatz an, aber nur «als einmalige Sache». Das stellte der DFB-Sportdirektor schon 27 Stunden vor der Herkules-Aufgabe gegen Angstgegner Frankreich mit WM-Torschützenkönig Kylian Mbappé klar.

«Ich weiß, ich kann mal aushelfen», sagte der 63-Jährige. Und er gab den «wunderbaren Fans», die am Dienstagabend (21.00 Uhr/ARD) im Dortmunder Stadion sein werden, auch ein Versprechen. «Ich würde am liebsten ein tolles Ergebnis versprechen, aber das geht ja nicht», sagte Völler. Versprechen könne er aber für das Spiel eins nach Hansi Flick, dass «die Einstellung stimmen wird. Die Spieler brennen.»

Eine Ansage an das weiterhin von Ilkay Gündogan als Kapitän angeführte Team hatte Völler schon nach dem «blamablen» 1:4 gegen Japan ausgerufen, als er noch gar nicht als Interims-Teamchef sprach. «Keiner darf die Hose voll haben.» Ob Deutschland Außenseiter gegen Frankreich sei, beantwortete Gündogan derweil mit einem Wort: «Ja!» Trotzdem sei es «an der Zeit, mal ein ordentliches Ergebnis zu erzielen».

«Wir müssen versuchen, Kredit zurückzugewinnen»

Bei seinem Comeback auf der DFB-Trainerbank 19 Jahre nach seinem Rücktritt will Völler den Absturz der Nationalmannschaft stoppen und im Idealfall einen Stimmungsumschwung im Lande herbeiführen. Und dafür nimmt der einstige Fan-Liebling die Spieler, die unter Flick nicht mehr liefern konnten (oder wollten?), besonders in die Pflicht. «Wir müssen versuchen, Kredit zurückzugewinnen», mahnte Völler. Er glaubt, dass ein Team mit vielen in Champions-League-Partien bewährten Profis wie Gündogan, Marc-André ter Stegen, Antonio Rüdiger oder Joshua Kimmich einfach mehr leisten kann und muss als bei den mittlerweile fünf sieglosen Länderspielen in der Endzeitatmosphäre unter Flick.

«Die Spieler können es ja auch, die kommen alle aus Topclubs, zeigen da auch ihre Leistung - und das erwarte ich auch am Dienstag», sagte Völler. Mit dem Bus reiste der DFB-Tross am Montag aus Wolfsburg nach Dortmund. Dort musste Völler unterstützt von U20-Auswahlcoach Hannes Wolf und Ex-Nationalspieler Sandro die verunsicherte, aber womöglich jetzt auch von Zweifeln und Ballast befreite Mannschaft in nur einem Training auf die Franzosen vorbereiten. Ausfallen könnte Lokalmatador Niklas Süle, der wegen der bevorstehenden Geburt seines zweiten Kindes das Team zumindest vorübergehend verließ.

Völler will Team nicht komplett umkrempeln

Dazu sind einige Spieler, die Völler nicht namentlich benannte, angeschlagen. «Ein, zwei, drei Änderungen», kündigte er an, alles umkrempeln werde er nicht. Er sprach von «Impulsen», die er mit seinen Helfern setzen wolle. «Wir haben ein Spiel gegen die im Moment beste Mannschaft in Europa. Das wird natürlich schwierig», sagte Völler. Aber er fügte einen Satz im Selbstverständnis des Weltmeisters von 1990 hinzu: «Wir sind immer noch Deutschland.»

Völler will mit den weiteren DFB-Entscheidern um Präsident Bernd Neuendorf «relativ schnell» eine Nachfolgelösung für Flick präsentieren: «Das ist die Hauptaufgabe.» Namen von Jürgen Klopp bis Julian Nagelsmann werden gehandelt, egal wie wahr und vor allem wie realistisch sie sind. Groß ist der Kandidatenkreis kurz nach Saisonbeginn nicht. Völler könnte dem Verband mit einem Ergebnis- und Leistungs-Lichtblick gegen Frankreich wertvolle Zeit verschaffen, etwas Druck rausnehmen. Im Oktober geht das DFB-Team auf USA-Reise.

DFB-Team braucht Sicherheit und Stabilität

Welche Sofortmaßnahmen wird der einstige Weltklasse-Stürmer ergreifen? In erster Linie dürfte Völler bemüht sein, dem Team Sicherheit und Stabilität zu verleihen. Kurzum: Keine weiteren Experimente. Zurück zum jahrelang bewährten 4-2-3-1-System, womöglich mit Joshua Kimmich (80 Länderspiele) und Ilkay Gündogan (68 Einsätze) als erfahrene Doppel-Sechs im Mittelfeld und DFB-Veteran Thomas Müller (122) im Angriff. Völler benannte nach 13 Gegentoren in den vergangenen fünf Länderspielen aber vor allem ein Hauptproblem, das ihn nervt: «Das Wichtigste ist, dass sich unser Abwehrverhalten extrem verbessert.»

Die Spieler sind nun am Zug, Flick fällt als Alibi weg. Gündogan sprach von «einem Mix aus Trauer, Frust, Enttäuschung» in der Mannschaft: «Ich habe als Spieler das Gefühl, Hansi im Stich gelassen zu haben», sagte der 32-Jährige. Doch der Blick geht nach vorne. Kimmich verneinte mit Blick auf die große Herausforderung gegen die Équipe Tricolore Angst («Null!») und gab stattdessen die Marschroute aus: «Es geht nicht darum, dass wir schön spielen und über Passstafetten ins Spiel kommen. Es ist jetzt wichtig, dass wir andere Attribute auf den Platz bringen, Leidenschaft und so. Darum geht es jetzt.» Gündogan ergänzte: «Zunächst mal wollen wir unsere individuellen Fehler abstellen.»

Zum Aufbaugegner taugen die Franzosen mit ihrer eingespielten Mannschaft und ihren zahlreichen Offensiv-Könnern wie Mbappé, Antoine Griezmann, Ousmane Dembélé, Randal Kolo Mouani, Marcus Thuram oder auch Bayerns Kingsley Coman sicher nicht. Mit makellosen fünf Siegen und 11:0 Toren ist die Équipe von Nationaltrainer Didier Deschamps in ihre EM-Qualifikationsgruppe gestartet, darunter ein 4:0 gegen die Niederlande.

Die letzte Niederlage und die letzten Gegentore gab es beim 3:3 im packenden WM-Finale von Katar gegen Argentinien und Lionel Messi mit der Niederlage erst im Elfmeterschießen. Da wird auch ein Völler-Comeback nicht reichen. «Dass es so schwierig ist, hätte ich mir auch nicht vorgestellt in den letzten Wochen und Monaten», stöhnte der Aushilfscoach.

© dpa ⁄ Klaus Bergmann und Jan Mies, dpa
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