Doppel-Gold: Kaul und Lückenkemper feiern EM-Triumphe

Nach einer grandiosen Aufholjagd gewinnt Zehnkämpfer Niklas Kaul den Titel bei der Heim-EM. Wenig später stürmt Gina Lückenkemper zu Gold über 100 Meter. Kristin Pudenz sichert sich Diskus-Silber.

Völlig ausgepumpt, aber glückselig strahlend ließ sich Niklas Kaul nach einem grandiosen Endspurt zu Gold im Zehnkampf bei der Leichtathletik-EM in München auf einer Ehrenrunde feiern.

Fassungslos riss Gina Lückenkemper die Augen auf und konnte erst kaum glauben, dass sie in einem Wimpernschlag-Finale 100-Meter-Europameisterin geworden war. Am Ende eines sensationellen EM-Tages für die zuletzt gebeutelte deutsche Leichtathletik mit zwei Titeln und zweimal Silber sangen die 40.000 begeisterten Zuschauer im Olympiastadion: «Oh, wie ist das schön.»

«Das Stadion ist heute der absolute Wahnsinn»

«Das Stadion ist heute der absolute Wahnsinn. Ich bin Euch so unfassbar dankbar», sagte Lückenkemper, die zum Abschluss in 10,99 Sekunden vor der zeitgleichen Hallen-Weltmeisterin Mujinga Kambundji aus der Schweiz gewann. Die Britin Daryll Neita wurde Dritte in 11,00 Sekunden. «Ich merke gerade gar nichts, ich habe so viel Adrenalin», rief Lückenkemper vier Jahre nach EM-Silber in Berlin ins Mikrofon im Stadion, durch das die La Ola schwappte.

Schon Kaul hatte die Arena zur Party-Zone werden lassen. In einem Sturmlauf im abschließenden 1500-Meter-Rennen konnte der 24 Jahre alte Mainzer mit 8545 Punkten den Schweizer Simon Ehammer (8468) noch von Platz eins verdrängen.

Nur Minuten später freute sich die Olympia-Zweite Kristin Pudenz über EM-Silber im Diskus und revanchierte sich damit für ihr enttäuschendes WM-Abschneiden vor einem Monat. Mit persönlicher Bestleistung von 67,87 Metern fehlten der Potsdamerin nur acht Zentimeter zur Kroatin Sandra Perkovic, die ihren sechsten EM-Titel holte. Claudine Vita sicherte dem deutschen Team Bronze mit 65,20 Metern. Geher Christopher Linke hatte zum Auftakt des Tages über 35 Kilometer mit Silber seine erste internationale Medaille geholt und an die deutschen Erfolge im Marathon zum Auftakt angeknüpft.

«Bei den 1500 sind mir fast die Ohren weggeflogen»

Kaul feierte nach dem WM-Coup von 2019 den zweiten großen Triumph seiner Karriere. «Der WM-Titel ist drei Jahre her, dazwischen lief nicht richtig viel zusammen. Bei den 1500 sind mir fast die Ohren weggeflogen, das war der Wahnsinn», sagte Kaul nach dem überragenden Abschluss ins Stadion-Mikrofon.

Vor den letzten beiden Disziplinen hatte er noch auf dem siebten Rang gelegen, schaffte aber mit 76,05 Metern im Speerwurf und einem starken 1500-Meter-Lauf in persönlicher Bestzeit von 4:10,04 Minuten noch die überraschende Wende. «Es ist die Disziplin, in der ich am Besten bin», hatte Kaul vor dem Lauf gesagt. Der frühere WM-Dritte Kai Kazmirek (LG Rhein-Neuwied) kam auf Platz acht mit 8151 Punkten.

Kaul trat mit seinem EM-Titelgewinn die Nachfolge von Arthur Abele an, der vor vier Jahren in Berlin siegte und beim letzten Zehnkampf seiner Karriere wie ein Held umjubelt wurde. Der 36-jährige Ulmer war im Hürdensprint wegen eines vermeintlichen Fehlstarts disqualifiziert worden, durfte aber nach einem erfolgreichen Protest weiterkämpfen. Über den 15. und letzten Platz kam er nicht mehr hinaus. «Was er nervlich mitgemacht, reicht für eine ganze Karriere», meinte Ex-Zehnkämpfer und ARD-Experte Frank Busemann. Abele pflichtete ihm bei: «Ich war nervlich am Arsch.»

Kaul: «Es war nur ein Durchhalten»

Nach acht Disziplinen sah es so aus, dass Kaul der EM-Coup nicht mehr gelingen könne. Eidgenosse Ehammer hatte gut 500 Punkte Vorsprung. Nachdem der Deutsche mit dem Diskus nur 41,80 Meter weit kam und im Stabhochsprung lediglich 4,90 Meter überquerte, schien das Titelrennen fast gelaufen und seine Ankündigung vor der EM, «so gut wie noch nie zuvor» antreten zu wollen, sich nicht ganz zu bestätigen. «Es war nur ein Durchhalten», schilderte Kaul niedergeschlagen seine Befindlichkeit in dieser Situation der ARD.

Nach seinem WM-Überraschungscoup 2019 in Doha, wo er als jüngster Zehnkämpfer der Geschichte siegte, lief es in seiner bis dahin glanzvollen Karriere nicht mehr rund. Erst musste er eine langwierige Schulterverletzung bewältigen und bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokio das vorzeitige Aus nach einer Sprunggelenksverletzung im Fuß verkraften.

Auch dieses Jahr verlief holprig. Die erste Mehrkampf-Qualifikation für EM und WM in Ratingen beendete Kaul nach dem ersten Tag. Danach musste er auch in Götzis/Österreich die Zähne wegen Fußprobleme zusammenbeißen, schaffte aber die ihm fehlende EM-Norm mit 8303 Punkten. Bei der WM in Eugene konnte er als Titelverteidiger mit einer Wildcard antreten und wurde Sechster.

© dpa
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