Flick: «Das ist mir lieber, als wenn es bei der WM passiert»

Hansi Flick ist enttäuscht und verärgert nach der ersten Niederlage in seiner Amtszeit als Bundestrainer, zügelt aber seine Emotionen.
Bundestrainer Hansi Flick bei der Pressekonferenz nach der 0:1-Niederlage gegen Ungarn. © Robert Michael/dpa

Fragen an Bundestrainer Hansi Flick nach dem 0:1 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in der Nations League gegen Ungarn in Leipzig.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Niederlage?

Hansi Flick: Erstmal ärgert uns die Niederlage. Wir haben uns alle etwas anderes vorgestellt. Ungarn hat es sehr gut gemacht. Sie haben die Räume sehr gut zugemacht, haben sehr gut verteidigt, waren sehr aggressiv, haben uns mit einfachen Mitteln das Leben schwer gemacht.»

Ihr Team ist bei der ersten Niederlage in Ihrer Amtszeit als Bundestrainer gar nicht ins Spiel gekommen. Warum?

Flick: Die erste Halbzeit war mit Sicherheit die schlechteste in den 14 Länderspielen. Wenig Mut, wenig Vertrauen, wenig Dynamik, wenig Intensität - viele Fehler. Wir wollten etwas ausprobieren mit Jonas Hofmann auf der Rechtsverteidigerposition, weil ich gesagt habe, ich möchte mal mit zwei offensiven Außenverteidigern agieren. Die normalen Abläufe der vergangenen Spiele haben wir dadurch nicht mehr ganz so gehabt. Damit ist zum Teil vielleicht zu erklären, warum wir nicht so ins Spiel gekommen sind. Die zweite Halbzeit war besser, aber wir haben einfach zu wenig Torchancen herausgespielt. Wir wollten in England noch alles in der Hand haben um den Gruppensieg, aber um den spielen jetzt Italien und Ungarn. Die erste Halbzeit hat uns die Augen geöffnet, daraus müssen wir unsere Schlüsse ziehen.

Jamal Musiala war draußen. War das noch eine Ursache der Trainingsverletzung? Denn man hat das Gefühl: Wenn er draußen sitzt, fehlen beim FC Bayern und auch hier die kreativen Momente.

Flick: Jamal ist ein toller Fußballer. Wir haben uns für eine Aufstellung entschieden. In der zweiten Halbzeit haben alle, die auf dem Platz waren, gezeigt, warum sie gespielt haben, auch wenn es nicht zu einem Punkt oder dem Sieg geführt hat. Jamal hat das gewisse Etwas, wenn eine Mannschaft tief steht und kompakt verteidigt. Er hätte uns sicherlich in der ersten Halbzeit auch gut getan, aber wir haben uns für elf andere Spieler entschieden.

Am Montag geht es in Wembley sportlich um nichts mehr. England ist aus der höchsten Liga der Nations League abgestiegen, Deutschland kann nicht mehr Gruppensieger werden. Ist es trotzdem so eine Art Stimmungsspiel beider Mannschaften mit Blickrichtung WM in Katar?

Flick: Nein. Es ändert sich letztendlich an der Vorgabe nichts. Nach diesen zwei Länderspielen haben wir noch sechs, sieben Wochen Zeit bis zum ersten WM-Spiel. Wir erwarten von jedem einzelnen, dass er noch mal an sich arbeitet; der eine in der körperlichen Fitness zulegt, der andere an der Überzeugung im Abschluss, im Kopfballspiel. Wir müssen uns noch steigern, das hat das Spiel gezeigt. Die Niederlage ist vielleicht zur rechten Zeit gekommen, das ist mir lieber, als wenn es bei der WM passiert.

Die offensive Dreierreihe hinter den Spitzen wirkten nicht so im Spiel und so selbstbewusst wie man sie kennt, gerade Serge Gnabry, auch Thomas Müller. Wie reagieren Sie da nun beim England-Spiel?

Flick: Wir tun gut daran, jetzt erstmal das Spiel abzuhaken und zu analysieren. Toni Rüdiger ist gesperrt, er wird uns gegen England nicht zur Verfügung stehen. Auf der Innenverteidigerposition müssen wir also etwas ändern. Was wir genau machen, wie wir es machen, da werden wir uns mit dem Trainerteam zusammensetzen und hoffentlich die richtigen Elf aufstellen.

Mir fällt es gerade schwer, Ihre Emotionen nach der ersten Niederlage zu deuten. Sind Sie enttäuscht? Sind Sie unzufrieden? Wie geht es Ihnen?

Flick: Ich bin natürlich schon enttäuscht, absolut, weil man nie gerne verliert. Aber man muss auch ab und zu mal nicht ganz so die Emotionen rauslassen. Für mich geht es einfach darum, dass wir aus diesem Spiel etwas mitnehmen. Das erwarten wir von uns als Trainerteam, aber auch von den Spielern.

Ihre Spieler haben sich selbstkritisch geäußert direkt nach dem Spiel, auch von Weckruf gesprochen. Warum war dieser Weckruf denn überhaupt notwendig? Müssen wenige Wochen vor der WM nicht alle brennen, schließlich geht es um Stammplätze und Plätze im Kader?

Flick: Gute Frage. Solche Spiele kommen immer ungelegen, gerade jetzt in dieser Phase. Ich will keine Ausreden suchen. Ich habe es am Anfang schon gesagt: Wir haben bei der Aufstellung was probiert, was nicht so gefruchtet hat. Deswegen muss ich einen Teil des Ganzen auf meine Kappe nehmen. Trotzdem müssen wir es in der Art und Weise, wie wir das Spiel angegangen sind in der ersten Halbzeit, können und müssen wir es viel besser machen.

Die Mannschaft hat jetzt sechs Spiele nicht zu Null gespielt. Vorne haben die Abläufe auch nicht so funktioniert. Kann man diese Niederlage wirklich nur als Ausrutscher bewerten? Oder gibt es da wiederkehrende Muster?

Flick: Die Ecke war gut getreten. Das Tor schießt man nicht alle Tage. Ich habe auch nicht gedacht, dass wir uns so wenige Torchancen herausspielen, weil wir vorne normalerweise hohe Qualität haben. Wir müssen daraus lernen. Die Zeit der Experimente ist vorbei.

Sie wirken nicht so, als wenn Sie jetzt alles über den Haufen schmeißen wollen. Ist das Spiel trotzdem noch mal ein Appell an die Spieler, die hier nicht dabei waren, das sie doch noch mal eine WM-Chance bekommen könnten?

Flick: Das habe ich im Vorfeld schon gesagt, dass es genauso ist. Ich erinnere nur an Matthias Ginter, der im Juni nicht dabei war und jetzt wieder dabei ist, weil er eine gute Entwicklung gemacht hat. Wir schauen genau hin. Wir erwarten jetzt von jedem, dass er an dem einen oder anderen noch an sich arbeitet. Denn das muss unser Ziel sein, dass wir so stark wie möglich nach Katar gehen.

© dpa
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