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Nachwuchsreform im Fußball wird heiß diskutiert

Mit der Kritik an der Nachwuchsreform steht Hans-Joachim Watzke nicht allein da. Auch Väter und Mütter haben Bedenken. Der DFB sagt: Der Wettkampfcharakter bleibt - auch wenn sich einiges ändern muss.
Nachwuchsfußball
Die geplante Nachwuchsreform im Deutschen Fußball-Bund stößt auf teils heftige Kritik. © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Am Ende seiner heftigen Kritik an der angeblich «unfassbaren» Nachwuchsreform wurde Hans-Joachim Watzke sogar zynisch. «Demnächst spielen wir dann noch ohne Ball. Oder wir machen den eckig, damit er den etwas langsameren Jugendlichen nicht mehr wegläuft.»

Ausgerechnet der DFB-Vizepräsident hatte bei einem Unternehmertreffen in Essen im lockeren Plauderton dem Langzeit-Projekt des Deutschen Fußball-Bundes einen Imageschaden verpasst. Und dem neuen DFB-Direktor Hannes Wolf das ohnehin mühsame Werben um Unterstützung für das umstrittene Programm nochmals erschwert.

Wolf kämpft seit seiner Ernennung zum Direktor Nachwuchs, Training und Entwicklung Ende August unermüdlich und eloquent gegen Widerstände und Bedenken an. Dabei war die Reform vom DFB-Bundesjugendtag bereits 2022 nach einer mehrjährigen Pilotphase einstimmig verabschiedet worden. Ein Zurück oder eine eilige Reform der Reform, wie sie Watzke kurzerhand ankündigte, wird es nicht geben.

Neuendorf von Watzke-Kritik überrascht

DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat die harsche Kritik von DFL-Aufsichtsratschef Hans-Joachim Watzke an der Nachwuchsreform «überrascht». Die neuen Spielformen im Kinderfußball seien «2022 nach einer mehrjährigen Pilotphase unter enger Einbeziehung der DFL vom DFB-Bundestag in Bonn einstimmig beschlossen» worden, sagte Neuendorf. «Die Profi-Clubs haben der Reform also ausdrücklich zugestimmt. Es gab vor der Entscheidung des Bundestages nicht einmal den Wunsch nach einer Aussprache. Wir sollten daher unsere eigenen Beschlüsse ernst nehmen und das, was viele Fachleute ausdrücklich befürworten, jetzt auch umsetzen.»

«Wer den Zustand des deutschen Fußballs beklagt, darf nicht einfach ein «Weiter so» proklamieren. In anderen Ländern haben ähnliche Reformen zu deutlichen Leistungssteigerungen geführt», sagte Neuendorf. «Wer sich mit den neuen Spielformen beschäftigt, wird auch rasch erkennen, dass es natürlich um Leistung geht, um Gewinnen und Verlieren, um Erfolg und Misserfolg. Unser neuer Direktor für Nachwuchs, Training und Entwicklung, Hannes Wolf, wird gemeinsam mit den Landesverbänden, die Menschen von der Richtigkeit unseres Weges überzeugen.»

Veränderungen sind notwendig

Die aktuelle Krise im deutschen Fußball mit den blamablen WM-Auftritten der Männer und Frauen sowie dem EM-Debakel der U21 sollte die Notwendigkeit von Veränderungen eigentlich klar aufzeigen, sagt Wolf. «Wir können nicht glauben, nur weil wir ein Fußballland sind und in den Bereichen mal gut waren, können wir es so lassen», sagte er kürzlich in der Talkshow «Doppelpass» des TV-Senders Sport1. In dieser Hinsicht sind sich fast alle einig - warum aber dann die gefühlt große Skepsis gegenüber der Reform?

Vor allem ein Punkt ist Anlass für Kritik von vielen Fußball-Größen, aber auch für Bedenken zahlreicher Väter und Mütter: Ab der Saison 2024/25 sollen in den Altersklassen U6 bis U11 neue Spielformen verbindlich werden, die kleinere Mannschaftsgrößen auf kleineren Spielfeldern vorsehen und die bisherigen Wettbewerbsangebote als feste Formate ablösen. Keine Ergebnisse plus keine Tabellen gleich kein Leistungsgedanke. Diese Rechnung stellt zumindest Ex-Europameister Thomas Helmer auf, für den die Reform «grotesk» ist. Der frühere Nationalspieler Dietmar Hamann hält den Schritt ebenfalls für falsch: «Für mich: Ohne Ergebnis kein Erlebnis.»

Für U21-Nationaltrainer Antonio Di Salvo sind solche Aussagen teilweise polemisch. «Alle, die solche Sachen sagen, haben sich nicht zu 100 Prozent mit der Materie beschäftigt», sagte er. Der Wettkampfcharakter falle keineswegs weg: «Früher gab es Tabellen, jetzt rückt man vom linken Feld aufs rechte Feld.» Wolf nennt als Beispiel gerne die Spielform 3 gegen 3, wo nur das Gewinnerteam ein Feld weiterrücken darf.

Hier werde «Leistung gefordert» und die Kinder hätten «die direkte Rückmeldung, ob sie gewinnen oder verlieren». Aber noch viel wichtiger: Sie hätten «die ganze Zeit Aktionen, die fußballrelevant sind». Zweikämpfe, Dribblings, Anbieten, Freilaufen, Passspiel, Torschuss.

«Wenn du das regelmäßig machst», verspricht Wolf, «ändert das alles». Auch in Sachen Siegermentalität. Jeder könne sehen, «wie scharf das ist, wie das weh tut, wie das auch brennt». Das habe Einfluss auf der sportlichen, körperlichen, «aber auch extrem auf der mentalen Ebene», meint Wolf: «Wo du die Siegermentalität auf keinen Fall lernst, ist im Schlangestehen beim Torschusstraining.»

Blicks aufs Ausland

England und Belgien hätten mit ähnlichen Formaten sehr gute Erfahrungen gemacht, argumentiert der DFB. Wenn ihm der U11-Trainer von Hertha BSC berichte, dass er im Duell gegen englische Mannschaften «eine andere Sportart» sehe, sei das bezeichnend, stellt Wolf fest: «Wenn die Engländer 2 gegen 2 spielen, bis die 10 Jahre alt sind, und wir spielen 6 gegen 6, dann hat jeder von denen zehnmal so viel gedribbelt wie jemand von uns.»

Jamal Musiala ist das Paradebeispiel des DFB. Er ist ohne Zweifel ein Ausnahmetalent, das allerdings größtenteils in England ausgebildet wurde. Der Bayern-Profi urteilt im Vergleich: «In Deutschland gibt es schon für unter Zehnjährige ein Ligensystem, wohingegen das in England bis zur U18 nicht üblich ist. Da hat man viel weniger Druck und mehr Zeit, sich zu entwickeln, man kann viel freier spielen.»

Mehr fußballspezifische Aktionen, weniger Taktik und Gegnerorientierung - das sind die Kernziele der Reform im Kindesalter. Die Taktiktafel müsse man «bis zur U14 verbieten. Ich als Vater will, dass mein Sohn die ganze Zeit zockt. Die Tabelle ist am Ende des Tages völlig wurscht», meint Ex-Profi und U20-Co-Trainer Sandro Wagner, der dem DFB-Kompetenzteam unter Wolfs Leitung ebenso angehört wie Hermann Gerland. Auch der erfahrene Jugendtrainer wirbt für die neuen Spielformen, die gar keine wirklich neuen Erfindungen seien: «Viele Ballkontakte, einfache Regeln, Tore eng beieinander - es gibt nichts Schöneres für ein Kind.»

Wären da nicht die Erwachsenen. Die Informationen und Anschauungsvideos zu dem Thema auf der DFB-Seite würden die etwa 24.000 Fußballvereine in Deutschland noch nicht ausreichend genug abrufen, bemängelt Wolf.

Für Horst Hrubesch liegt darin aber auch ein Versäumnis des Verbandes. «Beim DFB arbeiten viele schlaue Leute, die etwas von der Thematik verstehen - nur haben sie es mal wieder nicht geschafft, die Clubs so mitzunehmen, dass es breite Unterstützung dafür gibt», sagte der frühere U21-Nationalcoach und heutige Chef des Nachwuchsleistungszentrums beim Hamburger SV, der «Süddeutschen Zeitung». Dabei ist für Wolf klar: «Es wird nur gut, wenn es stringent umgesetzt wird.» Äußerungen wie von Watzke sind dabei sicher wenig hilfreich.

© dpa ⁄ Jörg Soldwisch, dpa
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