Deutschlands neue Europa-League-Liebe

Pleiten in Rasgrad oder bei Östersunds FK: Das war die jüngere deutsche Vergangenheit in der Europa League. Nach dieser Saison wird man die Geschichte ein wenig umschreiben können.
Die Frankfurter Fans feiern ihre Europa-League-Helden. © Arne Dedert/dpa

Franz Beckenbauers Worte vom «Cup der Verlierer» passten über ein Jahrzehnt lang ideal - zumindest für die deutschen Starter in der Europa League.

Seit der frühere UEFA-Cup im Jahr 2009 umbenannt wurde, hagelte es für die Bundesliga-Vertreter alljährlich Pleiten. Mal wurde in Rasgrad verloren, dann warfen ambitionierte Titelanwärter all ihre Chancen gegen Außenseiter wie Salzburg, Bern oder Krasnodar weg. Das Image verfestigte sich Saison für Saison mehr: die Europa League und Deutschland, das passte einfach nicht.

Deutsches Finale möglich

Eintracht Frankfurt sieht das ganz anders. Nur drei Jahre nach dem denkwürdigen Lauf bis ins Halbfinale, als erst im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea Schluss war, arbeiten die Hessen am nächsten internationalen Coup. Und schon bevor am Donnerstag (21.00 Uhr/RTL) gegen West Ham United der Einzug in ein möglicherweise deutsches Finale gegen RB Leipzig perfekt gemacht werden kann, gibt es Bilder, die bleiben werden: über 30.000 Fans in Barcelona, weiße Siegesparty im ansonsten leeren Camp Nou und im eigenen Stadion die Rückkehr der Ausgelassenheit nach zwei Jahren Pandemie.

Kommen Frankfurt und Leipzig (bei den Glasgow Rangers) nun durch, ist der Bundesliga-Fußball in der Europa League erstmal rehabilitiert. Im ersten deutschen Finale seit dem Champions-League-Endspiel Bayern München gegen Borussia Dortmund 2013 würde sich erstmals seit genau einem Vierteljahrhundert wieder ein deutsches Team zum Europapokal-Sieger krönen, das nicht FC Bayern heißt. Damals - 1997 - gewann Dortmund die Champions League und Schalke den UEFA-Cup.

«Man hat das Gefühl, es gibt nur ein Thema momentan», sagte Eintracht-Keeper Kevin Trapp. Im fußballverrückten Frankfurt ist das die Europa League. Der 18. Mai würde zum Fußballfeiertag, bei dem Zehntausende nach Sevilla reisen und weitere Zehntausende in der Mainmetropole feiern. Es würde für das Team von Oliver Glasner wohl auf eine Traumreise mit dem Motto «Barcelona 2.0» hinauslaufen - zwar ohne Camp Nou, dafür mit der Chance auf den Silberpokal. Es wäre der zweite internationale Titel nach dem Gewinn des UEFA-Cups 1980.

Frankfurter Eintracht - quasi ein Gegenbild zum Gigantismus

Im kommerzialisierten und immer gigantischeren Fußballgeschäft empfinden viele - auch neutrale - Fans das überraschende Abschneiden der Eintracht als eine Art Feel-Good-Story. Ordentliches Team ohne Weltklasseprofis und Multimillionen-Transfers besiegt Großclubs wie Barcelona und wird dabei getragen von Teamgeist, Ehrgeiz und einer immensen Wucht, die durch die lautstarken Fanmassen bestens sichtbar wird. Bei vielen Anhängern kommen solche Schlagzeilen deutlich besser an als die nächsten Spekulationen über eine Super League oder Transfergerüchte mit aberwitzigen Millionensummen.

Die Eintracht gibt sich alle Mühe, das Image des bodenständigen und fannahen Clubs zu kultivieren - quasi ein Gegenbild zum Gigantismus. Vorstandssprecher Axel Hellmann machte sich vergangene Woche dafür stark, die geplante Reform in der Champions League zu stoppen. «Wenn du an der Champions League teilnimmst, wird dein Koeffizient immer höher, es wird immer mehr ein geschlossenes System», sagte Hellmann der Nachrichtenagentur AP. «Die nationale Qualifikation ist die wichtigste Tür, die offen gehalten werden sollte.»

Hellmann warnte davor, «ein eigenes Monster» zu kreieren - dies wäre nach seinen Schilderungen eine Champions League, in der nur noch die Reichen spielen und dabei immer reicher werden. Die Eintracht gehört zu diesem elitären Zirkel nicht dazu, könnte sich mit einem Coup in Sevilla aber erstmals für die Königsklasse qualifizieren. «Ich denke, der Unterschied zwischen Europa League und Champions League ist zu groß», stellte Hellmann fest. Er will sich nach eigener Aussage für die Interessen der Mittelklasse-Clubs einsetzen.

Ob das auch für Leipzig - eigentlich in der Königsklasse gesetzt - gilt, darf bezweifelt werden. Die Sachsen erfüllen diese Saison aber sportlich stark ihre Aufgaben. Anders als Dortmund oder Bayer Leverkusen gab sich die Elf von Trainer Domenico Tedesco in den K.o.-Spielen keine Blöße und nahm die bisherigen Hürden bis ins Halbfinale souverän. Auch das ist für deutsche Clubs eine Besonderheit, denn vor Leipzig und der Eintracht hatte es in der 13-jährigen Geschichte der Europa League erst zwei Halbfinalisten aus Deutschland gegeben: den Hamburger SV 2010 und Frankfurt 2019. Beide verpassten das Finale.

© dpa
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