Voss-Tecklenburg vor Kanzler-Besuch: «Nicht nur reden»

Nur eine gute Woche nach dem EM-Finale schlägt der Kanzler beim Deutschen Fußball-Bund auf. Der Besuch setzt auch den Verband unter Druck, mehr für den Mädchen- und Frauenfußball zu tun.
Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg während des EM-Finals im Londoner Wembley-Stadion. © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Vor dem Besuch von Olaf Scholz beim DFB will sich Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg der Forderung des Kanzlers nach gleicher Bezahlung von Frauen und Männern im Fußball nicht anschließen.

«Da muss ich dem Bundeskanzler widersprechen. Wir haben gesagt, wir wollen erst mal «Equal Play» haben, dass wir bessere Strukturen haben, dass wir Talent-Gerechtigkeit haben, dass alle Mädchen Fußball spielen können», sagte die 54-Jährige am Samstag im Gespräch bei «Heute im Stadion» auf Bayern 1. Bei den Prämien vertritt Voss-Tecklenburg allerdings weiterhin eine klare Meinung.

«Ich würde mir eine Angleichung wünschen, also bei den Männern vielleicht ein bisschen weniger, bei den Frauen ein wenig mehr», betonte Voss-Tecklenburg erneut. «Vielleicht irgendwann für den gleichen Titel, den Männer und Frauen erreichen, auch das gleiche Geld. Aber wir werden nie in die Dimension kommen wie der Männer-Fußball. Und das wäre auch nicht gut.»

Scholz am Dienstag beim DFB

SPD-Politiker Scholz trifft sich am kommenden Dienstag in Frankfurt/Main mit Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes, unter anderem mit Präsident Bernd Neuendorf und Direktor Oliver Bierhoff. Voss-Tecklenburg wird da ihren Urlaub auf Mallorca angetreten haben. Die Bundestrainerin und ihr Team dürfen aber nach dem Kabinenbesuch von Scholz nach dem verlorenen EM-Finale in Wembley (1:2 gegen England) mit einer Einladung ins Kanzleramt rechnen. «Ich habe tatsächlich das Gefühl, dass es nicht nur Lippenbekenntnisse und Symbolpolitik sind», sagte Voss-Tecklenburg im ZDF-«Sportstudio» und betonte: «Dann müssen wir auch was draus machen. Nicht nur reden, sondern Tatsachen folgen lassen.»

Scholz hatte während der Europameisterschaft in England im Juli unter anderem unter dem Hashtag #equalpay (gleiche Bezahlung) getwittert: «Wir haben 2022. Frauen und Männer sollten gleich bezahlt werden. Das gilt auch für den Sport, besonders für Nationalmannschaften (...).» Für den Titel hätten die DFB-Frauen jeweils 60.000 Euro bekommen. Die Männer hätten im vorigen Jahr 400.000 Euro erhalten.

«Es ist wichtig, dass sich bekannte Persönlichkeiten für uns einsetzen», sagte Nationaltorhüterin Merle Frohms beim gemeinsamen TV-Auftritt mit der Bundestrainerin am Samstagabend. Auf die Frage, was sie sich für den Frauenfußball wünschen, schrieb die 27-Jährige vom VfL Wolfsburg auf ein Flipchart: «Sichtbarkeit. Chancengleichheit. Akzeptanz.» Voss-Tecklenburg nannte - jeweils mit einem fetten Ausrufezeichen versehen - «Grundgehälter in der Liga. Talentgerechtigkeit = NLZ. Anstoßzeiten zur Primetime.»

Bundestrainerin für Grundgehälter in der Liga

Die Talente aus dem Mädchenbereich müssten in die Nachwuchsleistungszentren (NLZ) der großen Clubs aufgenommen werden, was bisher die Ausnahme ist. Ihr erster Ansatz wäre, «dass wir alle Bundesligaspielerinnen zu Profis machen können, heißt Grundgehälter in der Liga. Aber nicht ein «Equal Pay» in der Dimension der Männer», sagte Voss-Tecklenburg im BR. Nach ihrer Erkenntnis müssen «bestimmt 50 Prozent» der Bundesliga-Spielerinnen einem Beruf nachkommen, um ihre Existenz zu sichern.

Das nächste Heim-Länderspiel am 7. Oktober in Dresden gegen Frankreich wird schon mal von der ARD von 20.30 Uhr übertragen. Mit der Unterstützung von Scholz können die Vize-Europameisterinnen jedenfalls rechnen. Die der Ex-Kanzlerin hatten sie schon während der EM: «Am meisten haben mich gefreut die intensiven, charismatischen, intelligenten Nachrichten von Angela Merkel. Sie hat jedes Spiel geschaut und sie hat uns supportet, und das war großartig», berichtete Voss-Tecklenburg.

© dpa
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