Covid-Experte wenig besorgt wegen BA.5

Verdirbt Corona den Sommer? Die Omikron-Subvariante BA.5 breitet sich auch in Thüringen aus. Ein Jenaer Infektiologe erklärt, was das bedeutet. Das Gesundheitsministerium setzt auf ein Infoschreiben zu Impfungen - zu spät, meint die CDU.
Gäste sitzen vor einem Café in der Sonne. © Felix Hörhager/dpa/Symbolbild

Trotz der Omikron-Subvariante BA.5 geht der Jenaer Infektiologe Mathias Pletz von einer entspannten Corona-Lage im Sommer aus. «Es kann gut sein, dass die Inzidenz ansteigt und eine neue Welle kommt. Aber wenn wir Lockdowns mit der Auslastung des Gesundheitssystems rechtfertigen, dann sehe ich persönlich aktuell keine Gefahr», sagte der Leiter des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena der Deutschen Presse-Agentur. In Portugal und Südafrika gingen die Inzidenzen derzeit zwar wieder nach oben - allerdings begleitet von einer sehr niedrigen Anzahl an Todesfällen.

«Generell gibt es im Sommer weniger schwere Infektionen als im Winter», sagte Pletz weiter. Das liege an vielen Faktoren - unter anderem daran, dass die Menschen sich dann oft draußen anstecken, wo die Erregerlast niedriger sei. Im Sommer kämen aber auch andere Faktoren dazu. Pletz nannte unter anderem eine allgemein geringere Anfälligkeit für Krankheiten, die Instabilität von Viren gegenüber UV-Licht und höheren Temperaturen, die geringere Zirkulation anderer Atemwegserreger und die damit verbundene Reduktion von Mischinfektionen und den möglichen Einfluss von Vitamin D.

Aktuell dominiert die Omikron-Sublinie BA.2 in Deutschland, der Anteil der Untervariante BA.5 wächst allerdings, wenngleich auf niedrigem Niveau. Laut Robert Koch-Institut (RKI) wurde sie bereits in der vorletzten Woche in jeder zehnten Probe gefunden. In Thüringen bewege sich der Anteil von BA.5 im einstelligen Prozentbereich, sagte Pletz mit Verweis auf rund 20.000 Sequenzierungen im Freistaat - also Tests auf die Virusvariante.

Derzeit sei noch unklar, was das Aufkommen von BA.5 mit der Krankheitsschwere mache, sagte Pletz weiter. Es gebe momentan keine Hinweise darauf, dass die Infektionen schwerer verliefen als bei den Varianten BA.1 oder BA.2. BA.5 scheine aber infektiöser zu sein als die anderen beiden Varianten und unterlaufe die Immunität von BA.1.

Im Sommer alle Vorsichtsmaßnahmen fallen zu lassen, hält der Infektiologe für keine gute Idee. «Das wäre wie beim Fahren durch eine 30er Zone den Gurt abzulegen.» Das Risiko für Long Covid werde durch die Impfung nach einer aktuellen Studie um rund 15 Prozent reduziert. Das sei besser als nichts, aber auch kein perfekter Schutz. Bei den meisten Menschen gehe Long Covid wieder vorbei. «Aber ich habe auch Patienten, die leiden schon seit mehreren Monaten.»

Das Thüringer Gesundheitsministerium versuchte im Mai, mit einer Informationskampagne noch einmal für das Thema Corona-Impfungen zu sensibilisieren. Insgesamt seien 1,3 Millionen Infobriefe an Thüringer Haushalte verschickt worden, teilte eine Sprecherin mit. Von Anfang bis Ende Mai kamen laut Robert Koch-Institut lediglich 500 Corona-Erstimpfungen im Freistaat hinzu. Zu den Kosten für die Aktion machte die Sprecherin keine Angaben: Die Abrechnung durch die Deutsche Post sei noch nicht erfolgt.

Die CDU-Fraktion im Landtag kritisierte den langen Vorlauf für die Kampagne. «Die Aktion ist teuer und verpufft am Ende wahrscheinlich weitgehend wirkungslos», sagte der gesundheitspolitische Sprecher Christoph Zippel. Das Gesundheitsministerium brauche fast ein halbes Jahr, um einen Brief zu verschicken. In dem Schreiben waren unter anderem Daten zur Impfstoffsicherheit vom Dezember aufgeführt. «Der Fall steht exemplarisch für das verkorkste Corona-Management der Landesregierung.»

Das Informationsblatt sei im Frühjahr erstellt worden, sagte die Ministeriumssprecherin. Unter anderem wegen Lieferproblemen bei Briefumschlägen sei es aber zu einigen Verzögerungen gekommen. Ziel sei gewesen, das Schreiben möglichst zeitlos zu halten. Inzwischen gebe es zwar aktuellere Daten, etwa einen neuen Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zu Nebenwirkungen von Impfungen. «An der Grundaussage der Daten ändert dies jedoch nichts.» Auch mit Blick auf den kommenden Herbst und den Winter sei die Impfung die wichtigste Präventionsmaßnahme zur Eindämmung der Pandemie. Das Land halte dafür auch ein Basisnetz an Impfstellen weiter aufrecht.

Infektiologe Pletz hat vor dem Herbst auch noch andere Sorgen: Die mögliche Ausbreitung von Influenza - gerade bei Jüngeren. In den vergangenen beiden Wintern war die Grippesaison weltweit fast ausgefallen. «Es besteht das Risiko, dass viele Kleinkinder in der kommenden Saison zeitlich gedrängt ihre erste Influenza-Infektion erleben - wie wir es im letzten Herbst bei RSV (Respiratory Syncitial Virus) gesehen haben. Und eine Influenza ist für Kleinkinder nicht ungefährlich», sagte Pletz. Hier sei eine Impfung vor dem Herbst besonders wichtig. Er verwies auf eine «nadelfreie» Impfung in Form eine Nasensprays für Kinder.

© dpa
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