Alte DNA liefert Bild jüdischen Lebens im Mittelalter

DNA-Daten aus dem Mittelalter lassen in der Forschungswelt aufhorchen: Ein internationales Team hat aus Zähnen Rückschlüsse auf das frühe aschkenasische Judentum ziehen können.
Im Grabsteindepot der Stadt sind Fragmente mittelalterlicher Jüdischer Grabsteine aus Erfurt zu sehen. © Michael Reichel/dpa

Genetische Untersuchungen haben jetzt neue Einblicke in das mittelalterliche Leben einer in Erfurt lebenden jüdischen Gemeinde liefern können. Ein internationales Forscherteam untersuchte dazu die DNA, die aus 600 Jahre alten Zähnen gewonnen wurde. Wie die an der Studie beteiligte Archäologin Karin Sczech am Freitag in Erfurt sagte, stammen die menschlichen Überreste von einem ehemaligen jüdischen Friedhof, der vermutlich nach 1453 in Erfurt angelegt worden war. Die Gräber waren nach Bauarbeiten im Jahr 2013 bei einer Rettungsgrabung freigelegt und 47 Skelette geborgen worden.

Die Ergebnisse der Analysen des aus 33 Zähnen gewonnen Erbguts ließen Rückschlüsse über die früheren Wanderungsbewegungen zu, sagte Szech. «Das ist in der Forschungswelt sehr spektakulär.» Die Untersuchungen belegten, dass die damalige jüdische Gemeinde in Erfurt über einen größeren genetischen Pool verfügte als heutige aschkenasische Juden. So werden Juden und deren Nachfahren aus Mittel-, Nord- und Osteuropa bezeichnet.

Neben Mitteleuropa lasse sich die Herkunft von den mittelalterlichen Gemeindemitgliedern auch im Osten (Polen, Tschechien) verorten. Zudem habe sich gezeigt, dass mehrere Familien und deren Mitglieder unmittelbar nebeneinander bestattet wurden, sagte die Archäologin. Durch Spurenanalysen habe nachgewiesen werden können, dass bei zwei Familien die Eltern aus Osteuropa zugewandert waren, deren Kinder aber bereits in Erfurt aufwuchsen.

So könnten also im mittelalterlichen Erfurt wenigstens zwei genetisch unterschiedliche Gruppen gelebt haben. Heutige aschkenasische Juden würden sich genetisch viel mehr ähneln. Eine Theorie gehe davon aus, dass zu Zeiten, in der die jüdische Bevölkerung so klein war, es zu Hochzeiten unter Verwandten und dadurch zu genetischen Defekten gekommen sei, die häufig zu Krankheiten geführt hätten.

Bei den in Erfurt bestatteten Toten handele es sich wahrscheinlich um die ersten Mitglieder der zweiten jüdischen Landesgemeinde nach 1453. Dem internationalen Forscherteam unter der Leitung von Shai Carmi von der Hebrew University of Jerusalem und David Reich von der Harvard University gehörten auch Wissenschaftler vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie an, sagte Sczech.

Die genetische Analyse war laut Sczech erst nach einem theologischen Gutachten möglich, da das jüdische Gesetz die Störung der Totenruhe untersagt. Das Gutachten ging davon aus, dass die Zähne nicht fest zum Körper gehören. «Erfurt ist die Blaupause für solche Untersuchungen», sagte Sczech.

© dpa
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