Razzia und SEK-Einsatz gegen Hells Angels in Berlin

Früher lieferten sich kriminelle Rockergruppen wie die Hells Angels Schießereien auf offener Straße und demonstrierten ihre Macht mit Auftritten in uniformähnlicher Rockerkleidung. Seit Jahren geht der Staat aber härter gegen die Clubs vor - nun gegen eine Berliner Ortsgruppe.
Die Rückseite der Westen von zwei Hells-Angels-Mitgliedern. © picture alliance / dpa/Archivbild

Schwer bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei rückten im Morgengrauen in Berlin und drei anderen Bundesländern an. Die Mitglieder der Rockerbande Hells Angels gelten als gefährlich, aus ganz Deutschland wurden Spezialeinsatzkommandos (SEK) zur Unterstützung der großen Razzia am frühen Donnerstagmorgen angefordert. Auch die GSG9 der Bundespolizei war im Einsatz. Die Berliner Polizei setzte damit ein Verbot der Ortsgruppe der Hells Angels wegen krimineller Aktivitäten durch, wie die Senatsinnenverwaltung und die Polizei mitteilten.

Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hatte die Rockergruppe «Hells Angels MC Berlin Central» und mehrere Unterorganisationen verboten. Insgesamt waren rund 1300 Polizisten in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt im Einsatz. 45 Wohnungen und andere Räume wie ein Clubhaus und Gefängniszellen wurden durchsucht. Davon lagen 28 Objekte in Berlin, darunter das Clubhaus in Reinickendorf. 42 Personen waren davon betroffen, wie eine Polizeisprecherin sagte. Ziel sei die Sicherstellung von Beweisen. Von Festnahmen war zunächst nicht die Rede, auch Haftbefehle hätten nicht vorgelegen.

Der Senat teilte mit: «Es ist ab sofort verboten, Kennzeichen des Vereins und seiner Unterstützergruppierung zu verbreiten oder öffentlich zu verwenden.» Das Vereinsvermögen sei beschlagnahmt worden. Der Club sei eine Ersatzorganisation des früheren Clubs «HAMC Berlin City» und setze dessen «verfassungswidrige Bestrebungen» fort.

Der damalige frühere Club hatte sich selbst aufgelöst, nachdem mehrere Mitglieder wegen des sogenannten Wettbüromordes im Jahr 2014 im Gefängnis gelandet oder ins Ausland geflohen waren. Schon zuvor war er verboten worden, rechtskräftig wurde die Verfügung aber erst später. Innensenatorin Spranger betonte nun: «Das heutige Verbot stellt klar, dass wir nicht wegschauen, wenn eine neu geschaffene Organisation an die Stelle eines bereits 2012 verbotenen Vereins tritt und diesen ersetzt.»

Kriminelle Rockergruppen wie die Hells Angels oder Bandidos waren immer wieder mit Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Zwangsprostitution, Waffenschmuggel und Geldwäsche aufgefallen. Bei den Ermittlungen hatte die Polizei in den vergangenen Jahren auch in diesem Bereich durch die Entschlüsselung des Messengerdienstes Encrochat Erfolge erzielt. Die Software galt zunächst als nicht entschlüsselbar und war deshalb bei Kriminellen sehr beliebt. Die Polizei in den Niederlanden und Frankreich hatte sie im Frühjahr 2020 geknackt und einige Monate lang Millionen geheimer Daten abgeschöpft.

Schon 2017 hatte die Bundesregierung das Vereinsgesetz verschärft und Mitgliedern mehrerer Rockerclubs das öffentliche Tragen ihrer Vereinszeichen an ihren Westen untersagt.

Zuletzt hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) am 14. September die rockerähnliche Gruppierung «United Tribuns» mit knapp 100 Mitgliedern in Deutschland verboten. 1450 Polizisten durchsuchten damals mehr als 100 Privatwohnungen und Vereinsräume der Gruppe in neun Bundesländern.

Erst im Sommer hatte ein Aussteiger aus der Szene der Berliner Hells Angels in einem Buch über die Aktivitäten der Rocker berichtet. Kassra Zargaran hatte im Prozess wegen des Mordes in dem Wettspiel-Café als Zeuge ausgesagt und galt bei den Rockern als Verräter. In dem Buch «Der Perser. Wie ich ein Hells Angel wurde, als Kronzeuge vor Gericht auspackte und im Zeugenschutz landete» schilderte er sein Abdriften in die kriminelle Szene und seine Faszination für das Leben mit den Hells Angels samt Gewalt und Verbrechen, ein System, das er als «maximal menschenverachtend» bezeichnete.

© dpa
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