Hilfe für Suchtkranke: Geduld manchmal als einziges Mittel

Oft mangelt es Suchtkranken an einer geeigneten Betreuung. Ein Projekt in Halle versucht niedrigschwellige Angebote zu machen, die Eigenverantwortung anzuregen und vor allem langfristig an der Seite der Betroffen zu stehen.
Burkhard Blienert, Sucht- und Drogenbeauftragter der Bundesregierung, spricht. © Paul Zinken/dpa

Mit viel Ausdauer arbeiten seit fast 15 Jahren die Beschäftigten des Sozialtherapeutischen Zentrums in Halle mit Suchtkranken zusammen. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert bezeichnete das Projekt am Dienstag bei einem Besuch als beispielhaft für die Betreuung solcher Erkrankungen. «Es muss darum gehen, die Betroffenen und ihre Angehörigen konstant zu begleiten», sagte Blienert am Dienstag in der Saalestadt. Beides leiste das Projekt in «vorbildlicher Weise».

Der Prozess einer nachhaltigen Unterstützung sei langwierig und oft von Rückschlägen geprägt, sagte ein Mitarbeiter des Zentrums. «Suchtkranke ziehen sich in der Regel zurück.» Allein Wege und Termine auf sich zu nehmen, bilde für viele eine unüberwindbare Hürde, erklärte er. Hier müsse man am Ball bleiben und eben niedrigschwellige Angebote machen.

Das Zentrum in Halle begleite Betroffene über einen längeren Zeitraum. Es gehe auch darum, die Leute zur Eigenverantwortung zu bewegen und geduldig niedrigschwellige und unbürokratische Angebote zu machen, erklärte der Mitarbeiter. Das Projekt setze auf diese langfristige Unterstützung. Die Suchtkranken könnten unter anderem zwischen 8 bis 14.30 Uhr die Holzwerkstätten nutzen, ihre kognitiven Fähigkeiten trainieren oder Einzelgespräche und Kleingruppen besuchen.

Das Projekt lebe maßgeblich von der Geduld der Mitarbeiter. «Manchmal ist die Geduld das Einzige, was wir haben, um die Leute zu erreichen», so der Mitarbeiter. Bei den Jüngeren werde oft an ganz banalen Sachen gearbeitet. «Dass die erstmal herkommen und das Angebot nutzen - in einem einigermaßen akzeptablen Zustand - ist keine Selbstverständlichkeit.» Suchtkranke könnten oft nicht aus sich selbst heraus aktiv werden, so der Experte.

Zudem lebe das Projekt von dem Vertrauen zwischen den Mitarbeitenden und den Suchtkranken. Viele der Menschen mit einer Alkohol- oder Drogensucht hätten ihre soziale Kontakte größtenteils verloren, konstruktive Hilfe sei aus dem Umfeld daher oft nicht zu bekommen. Für einige sei die Anlaufstelle daher so etwas wie eine Ersatzfamilie. Ein Teilnehmer habe in der Einrichtung sogar seine Hochzeit gefeiert. «Der hatte niemand anderes», so der Mitarbeiter.

Eine Sucht sei kein Stigma, betonte der Drogenbeauftragte Blienert. Eine solche Krankheit frühzeitig zu begleiten sei eine große Herausforderung des Gesundheits- und Sozialsystems. Man müsse weg von Bestrafung und hin zum Schutz der Betroffenen. Eine engmaschige Betreuung wie in Halle zeige in diese Richtung.

Die Pandemie habe gezeigt wie fragil und leicht störbar die scheinbar erreichte Stabilität bei den Betroffenen sei, sagte der Mitarbeiter. Einige hätten sich stärker sozial isoliert und seien dann auch wieder in unkontrolliertes süchtiges Verhalten zurückgefallen.

Der Drogenbeauftragte wollte einen gestiegenen Konsum von Suchtmittel nicht bestätigen. Das könne man so pauschal nicht beantworten, sagte Blienert. Vieles habe sich ins Private verlagert und sei weniger sichtbar. Das Identifizieren der vulnerablen Gruppen sei in der Ausnahmesituation der Pandemie aber deutlich schwieriger geworden.

© dpa
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