Verbände sehen Weidetierhaltung durch Wölfe bedroht

20.05.2022 Artenschutz contra Tierhaltung: In Sachsen liegen bei vielen Haltern von Weidetieren die Nerven blank, weil immer wieder Wölfe die Reihen ihrer Herden lichten. Deshalb fordern sie eine Bestandsregulierung.

Schäfer Gerhard Schmidt steht auf der Weide und ruft die Schafe. © Daniel Schäfer/dpa

Zwischen Bautzen und Kamenz im Osten von Sachsen treibt seit gut einem Jahr ein dreibeiniger Wolf sein Unwesen. So schildert es jedenfalls Schäfer Gerhardt Schmidt. Der 63-Jährige hat das Tier schon mehrmals selbst gesehen, eine Woche vor Ostern stand es ihm sogar zehn Meter entfernt im Stall gegenüber. Seitdem Schmidt eine Überwachungskamera installierte, hat sich der Wolf nicht mehr blicken lassen. Ruhe hat das dem Schäfer dennoch nicht verschafft. «Ich gehe jeden Abend mit zwei Telefonen ins Bett und erwarte immer, dass Anwohner oder die Polizei anrufen, um ausgebrochene Schafe zu melden.»

Schmidt hat festgestellt, dass die Wölfe zwar nicht den Elektrozaun seiner Koppel überwinden. Durch ihre bloße Anwesenheit würden sie die Schafe aber in Panik versetzen, was wiederum zum ihrem Ausbruch aus der Koppel führe. Dann habe der Wolf leichtes Spiel. Bei den Behörden hat er erreichen wollen, dass der dreibeinige Wolf abgeschossen wird - so wie das bei verhaltensauffälligen Tieren in Sachsen möglich ist.

In den Amtsstuben habe man das aber abgelehnt, berichtet Schmidt. Für sich selbst habe er nun beschlossen, schon in einigen Jahren den Beruf an den Nagel zu hängen. Einen Nachfolger zur Betreuung der 500 Mutterschafe umfassende Herde habe er nicht.

Auch das ist ein Grund, warum die Bestände an Weidetieren in Sachsen zurückgehen. «Wir brauchen Schafe, um unsere Flächen zu pflegen», betont Regina Walther vom Schaf- und Ziegenzuchtverband. Dort, wo Schafe standen, hätten die Deiche im Hochwasser gehalten. Walther berichtet von der «Seelenqual» der Schafhalter, wenn sie nach einem Wolfsangriff die Überreste gerissener Tiere finden. Das sei mit Geld gar nicht aufzuwiegen. Der Wolf werde nun einmal kein Vegetarier, Wiederkäuer gehörten zu seinem Beuteschema. Angesichts der starken Zunahme der Wolfspopulation in Deutschland sei es wichtig, dass die Politik reagiere und die Bestände an Wölfen reguliere.

In einem Offenen Brief fordern mehrere Verbände Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) auf, sich auf Bundesebene aktiv für eine Bestandsregulierung einzusetzen. In der Weidetierhaltung seien gerade junge und neugeborene Tiere für Wölfe eine leichte Beute, heißt es in dem am Freitag vorgestellten Schreiben. Übergriffe hätten trotz der Installation von Zäunen gezeigt, dass solche Schutzmaßnahmen längst nicht mehr ausreichten. «Die artgerechte Weidehaltung und die damit verbundene naturnahe Landschaftspflege zugunsten biologischer Artenvielfalt stehen in Sachsen mittelfristig vor dem Aus.»

Der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) - selbst ein Züchter von Kamerunschafen - fordert einen vernünftigen Ausgleich der Interessen. Es bereite große Sorgen, dass Halter aufgegeben, weil die Belastung durch Wölfe zunehme. «Das ist für die Menschen nicht mehr erträglich.» Tierhalter würden sich sieben Tagen die Woche und 365 Tage im Jahr um ihre Tiere kümmern. «Das ist nicht nur Beruf, sondern Berufung. Die Menschen leiden mit den Tieren mit.» Deshalb brauche man ein Gegengewicht zum Artenschutz. Es gehe nicht darum, dass eine gegen das andere aufzuwiegen, sondern eine Balance zu finden. Sonst gebe es schon bald keine Weidetierhaltung in Deutschland mehr.

Nach Angaben des Sächsischen Landesbauernverbandes wurden für dieses Jahr bis Mitte Mai in Sachsen bereits 77 Schadensfälle an Nutztieren gemeldet. In 50 Fällen soll der Wolf als Verursacher feststehen. Laut Verband waren 212 Tiere betroffen: 167 Weidetiere wurden getötet, 16 verletzt und 29 werden vermisst.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) in Sachsen erklärte, für Artenschutz und Weidehaltung gleichermaßen einzutreten. «Der Wolf ist eine europarechtlich geschützte Art, und gleichzeitig muss die Weidehaltung durch angemessene Entschädigungen für Wolfsrisse und staatliche Unterstützungen für Schutzmaßnahmen attraktiv bleiben», sagte BUND-Chef Felix Ekardt. «Denn Weidehaltung ist ökologisch der Intensivtierhaltung im Stall deutlich überlegen - auch wenn es nötig bleibt, dass wir alle unseren Konsum an tierischen Nahrungsmitteln für den Klima- und Biodiversitätsschutz deutlich reduzieren.»

Das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie verwies darauf, dass der Wolf in Deutschland den höchstmöglichen Schutz genieße. «Der Wolf soll die Möglichkeit haben, überall dort sesshaft zu werden, wo die Tierart vor ihrer Ausrottung durch den Menschen natürlich vorkam und sie heute noch gute Lebensbedingungen - ein ausreichend großes Nahrungsangebot und geeignete Rückzugsräume - vorfindet.» Sachsen fördere Herdenschutzmaßnahmen, die dem Schutz von Schafen, Ziegen sowie Gehege- oder Damwild dienen, zu 100 Prozent. Zudem könnten Tierhalter eine individuelle Herdenschutzberatung in Anspruch nehmen.

© dpa

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