Studie: Sächsische Lehrer arbeiten zu viel

Sie liebe ihren Job, schreibt eine sächsische Grundschullehrerin in den Fragebogen einer Studie zur Arbeitszeit an Schulen. Aber das System, in dem sie arbeite, schicke unzählige fantastische Pädagoginnen und Pädagogen ins Burnout. Nun ist die Politik gefragt.
Ein Lehrer steht im Unterricht an der Tafel. © Marijan Murat/dpa/Symbolbild

Viele Lehrkräfte sächsischer Schulen überschreiten laut einer Studie ihre Arbeitszeit deutlich. Im Jahresmittel liegt sie mehr als drei Stunden pro Woche über der vorgeschriebenen Zeit, sagte Studienleiter Frank Mußmann von der Universität Göttingen am Mittwoch in Dresden. Eine Mehrheit der Lehrkräfte leiste regelmäßig Mehrarbeit. Die Daten würden bisherige Studien aus anderen Bundesländern bestätigen. Sachsen liege dabei aber noch über dem bundesweiten Durchschnitt. Ein Drittel der Lehrkräfte in Vollzeit arbeite während der Schulzeit mehr als 48 Stunden pro Woche, was gegen geltende Schutznormen zur Arbeitszeit verstoße.

Die Studie wurde im Auftrag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) erstellt. Nach den Worten von GEW-Chefin Uschi Kruse sind in den vergangenen Jahren durch Themen wie Inklusion, Digitalisierung, Migration, und Corona immer neue Aufgaben auf die Schulen zugekommen. «Das Problem ist, dass die neuen Aufgaben immer noch obendrauf kommen und aufgrund des Lehrkräftemangels immer mehr Arbeit von immer weniger Lehrkräften bewältigt werden muss.» Kruse sprach sich für eine sachliche Debatte aus. Zuletzt habe es eine wenig sachliche Auseinandersetzung um die Belastung der Lehrer geben. «Jetzt liegt eine Studie vor, mit der die Politik in diesem Land umgehen kann.» Lehrer dürften nicht noch mehr belastet werden.

«Die Studienergebnisse zeigen, dass sächsische Lehrerinnen und Lehrer nicht nur deutlich mehr Arbeit leisten, als sie vertraglich schulden. Sie sind auch hoch belastet. Burnout-Indikatoren zeigen, dass sie hohe Gesundheitsrisiken tragen», sagte Mußmann. Die Befunde würden einen bundesweiten Trend bestätigen, dass der Arbeitsalltag von Lehrkräften nur noch zu einem Drittel durch das Unterrichten bestimmt wird und stattdessen andere Aufgaben immer mehr Raum einnehmen. Nach Einschätzung von Thomas Hardwig - Mitautor der Studie - leisten Teilzeitkräfte oft noch mehr Überstunden, weil Vollzeitbeschäftigte dafür gar nicht mehr so viel «Luft nach oben» hätten.

Die Göttinger Forscher hatten bereits im Jahr 2021 in einer Studie zur Digitalisierung an Schulen nebenbei die Arbeitszeiten bundesweit erfasst. Bundesweit kamen Lehrerinnen und Lehrer in Gymnasien dabei geschätzt auf 50,23 Wochenstunden, in Sachsen waren es 50,48 Stunden. Dieser Wert hat sich mit der jetzigen Studie im Freistaat auf 51,06 Stunden erhöht. Demnach wurde die Soll-Arbeitszeit von Gymnasiallehrern um mehr als vier Stunden überschritten. Sie liegt unter Einbeziehung der Sommerpause bei 46,48 Stunden.

Die GEW hatte die Studie pünktlich zum Weltlehrertag am Mittwoch präsentiert. «Die Landesregierung muss diese Ergebnisse ernst nehmen und ihrer Fürsorgepflicht nachkommen. Die Belastung von Lehrkräften und Schulleitungen muss endlich auf ein ertragbares Maß sinken.» Dazu gehörten unter anderem eine Entschlackung des Lehrplans, die Reduzierung der Aufgaben und die Unterstützung etwa durch Schulassistenz und Schulsozialarbeit.

«Es ist Zeit für mehr Zeit», leitete SPD-Bildungsexpertin Sabine Friedel ihre Forderung zum Weltlehrertag ein. Sachsen habe dem Berufsstand finanzielle Anerkennung verschafft. «Doch Geld ist nicht alles. Lehrkräfte brauchen Zeit. Nur so zollt man dem Lehrerberuf auch inhaltlich Respekt.» Auch Grünen-Politikerin Christin Melcher forderte mehr Unterstützung für Lehrer. Sie würden seit Jahren am Limit arbeiten, vor allem in Sachsen. «Die Staatsregierung muss endlich die Lehrkräfte entlasten, sonst treibt sie weitere dringend benötigte Fachkräfte in den Burnout», sagte die Abgeordnete Luise Neuhaus-Wartenberg (Linke).

Sachsens Lehrerverband verwies gleichfalls auf die hohe Belastung. Maßnahmen wie vermehrte Abordnungen, die Ablehnung von Teilzeitanträgen oder das Heraufsetzen von Klassenobergrenzen würden die Lage verschärfen. «Die Folgen sind mehr Lehrkräfte, die durch Langzeiterkrankungen oder Überlastung ausfallen oder an freie Schulen mit besseren Arbeitsbedingungen abwandern. Zusätzlich flüchten sich 90 Prozent der Lehrer vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze in den Ruhestand.»

Für die Studie waren im Zeitraum vom 27. Juni bis 29. Juli 1473 Lehrkräfte an 300 sächsischen Schulen online befragt worden.

© dpa
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