Ost-Spitzen von der Bundesliga-Spitze

Union Berlin führt auch nach der ersten Niederlage die Bundesliga an. Trainer Fischer muss die Eisernen aber auf ein straffes Programm vorbereiten. Boss Zingler spricht vielen Fans aus deren Herzen.
Präsident Dirk Zingler steht an einem Rednerpult. © Andreas Gora/dpa/Archiv

Am Tag der Deutschen Einheit wurde in Berlin-Köpenick gearbeitet. Zumindest am Stadion an der Alten Försterei. Urs Fischer bat zum Training, hinter geschlossenen Türen. Wie er es oft und gerne macht beim 1. FC Union. Die Aufarbeitung der ersten Niederlage in der Bundesliga seit März am Samstag bei Eintracht Frankfurt war für die Eisernen aber keine ungewöhnliche Geheimniskrämerei. Es geht nach dem 0:2 ohnehin schnell weiter für das Überraschungsteam des deutschen Fußballs. Malmö, Stuttgart, Malmö, Dortmund heißen die Gegner bis zum übernächsten Sonntag in der Europa League und der Bundesliga. Also Haken dran und weiter machen. Tabellenführer ist man auch nach dem achten Spieltag noch.

Mehr als der ungewöhnlich lasche Auftritt in Frankfurt sorgten zwei Interviews von Union-Protagonisten für Aufsehen. Timo Baumgartl, am Samstag in Abwesenheit von Robin Knoche Abwehrchef, erzählte im ZDF«Sportstudio» einmal mehr eindrücklich von seiner Krebserkrankung und rückte damit auch die Verhältnisse zu einer profanen Niederlage in der Bundesliga gerade. Und Präsident Dirk Zingler. Der machte in einem Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland zum nationalen Feiertag ein gutes Stück des Union-Selbstverständnisses klar und sprach damit vielen Fans aus deren Herzen.

In Kategorien von Ost- und Westdeutschland zu denken, sei nicht sein Ding. Aber seinen Verein sieht er als einzigen echten Vertreter des ostdeutschen Fußballs in der Bundesliga. Eine verbale Spitze Richtung Sachsen. «Ich freue mich für die Leipziger. Sie können Bundesliga-Fußball und internationalen Fußball sehen. Doch man sollte auch ehrlich sein: RB ist kein ostdeutscher Verein», sagte der Club-Chef.

Ligakonkurrent RB Leipzig war im Mai 2009 und damit fast 20 Jahre nach dem Mauerfall gegründet worden. «Die Konzernzentrale steht in Österreich. Es gibt davon in Leipzig einen Club, in Salzburg und New York», sagte Zingler. «Dahinter steht ein österreichischer Getränkekonzern, der zur Stärkung seiner Marke Sportvereine gründet. Da ist Leipzig eher ein zufälliger Standort», ergänzte der 64-Jährige. RB ist für viele ein passendes Fußball-Feindbild.

Union stilisiert sich unter anderem in seiner Vereinshymne eindeutig als Ost-Club, der sich «nicht vom Westen kaufen» lässt. Dennoch meinte Zingler, er möge diese «Ost-West-Vergleiche» nicht. Gerade im Osten Deutschlands würden die überraschenden Erfolge der Eisernen aber besonders wertgeschätzt, meinte der Unternehmer, und könnten auch zu einer besonderen Identifikation beitragen.

«Es bedeutet den Menschen etwas, die in diesen Kategorien denken - und das zu Recht. Wir hören und spüren ja, welche Reaktionen wir aus ostdeutschen Regionen bekommen», sagte Zingler. «Da gibt es Freude und Stolz, dass wir Tabellenführer sind. Auf der anderen Seite spüren wir Überraschung bei jenen, die nicht aus Ostdeutschland kommen.» Union Berlin ist mehr als 30 Jahre nach der Wiedervereinigung erst der zweite ehemalige DDR-Oberligist nach Hansa Rostock 1992, der an der Tabellenspitze der Fußball-Bundesliga steht.

Als Rostock einst die Liga anführte, war Baumgartl noch nicht geboren. Er kam 1996 in Böblingen auf die Welt. Bei Union hat der Schwabe in den vergangenen Monaten Kultstatus erlangt, durch seinen offenen Umgang mit seiner Hodenkrebserkrankung. Gut 20 Minuten berichtete Baumgartl im TV über das Weinen nach die Diagnose, die Chemotherapie, die Emotionen beim Comeback. Eine Niederlage in Frankfurt? «Verdient» sei sie gewesen. Ärgerlich, klaro. Aber: «Man setzt die Prioritäten anders, man kann den Alltag einordnen.»

© dpa
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