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Autoexperte: Deutsche Hersteller verlieren Innovationskraft

Die Autobranche steckt in einem Umbruch. Deutschen Herstellern sitzen immer stärker Autobauer aus China im Nacken. Was bedeutet das für Produzenten und ihre Zulieferer in Sachsen?
VW-Produktion Wolfsburg
Mitarbeiter montieren Kotflügel an einen Volkswagen Golf im VW Werk. © Julian Stratenschulte/dpa/Symbolbild

Deutsche Autohersteller geraten nach Einschätzung des Branchenexperten Stefan Bratzel bei Innovationen gegenüber der chinesischen Konkurrenz ins Hintertreffen. Die Innovationskraft der Autobauer in China sei Jahr für Jahr gewachsen und inzwischen größer als die deutscher Produzenten, warnte Bratzel am Mittwoch auf einem Autokongress in Zwickau. «Das ist für den Standort Deutschland eine kritische Situation.» Um zukunftsfähig zu sein, müssten die deutschen Hersteller und Zulieferer mindestens so viel innovativer sein, wie ihre Autos als die der Konkurrenz teurer seien.

China ist der größte Automarkt weltweit und hat anders als Europa und die USA zuletzt bei den Verkäufen im Inland die Zahlen von vor der Corona-Krise deutlich übertroffen. Gemessen an den Stückzahlen sei China zweitgrößter Exporteur weltweit und schicke sich an, dieses Jahr Japan zu überholen, sagte Bratzel, der das Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach leitet. Getrieben werde das vor allem durch die wachsende Nachfrage nach E-Autos. Auch in Deutschland und den USA liege die Kaufbereitschaft für Modelle chinesischer Hersteller laut einer Befragung bereits zwischen 40 und 50 Prozent.

Fast 100.000 Beschäftige in Sachsen

Für Sachsens Wirtschaft ist die Autoindustrie mit Volkswagen, BMW und Porsche sowie vielen Zulieferern ein wichtiges Standbein. Rund 98.000 Menschen arbeiten im Freistaat in Unternehmen rund um das Auto. Die Branche ist im Umbruch. «Die Automobilindustrie erlebt die größte Transformation aller Zeiten», sagte Dirk Vogel vom Zuliefernetzwerk AMZ auf dem zweitägigen Kongress in Zwickau.

Branchenvertreter drängten zu mehr Tempo bei diesem Wandel. «Wir müssen als großes Schiff Deutschland schneller werden», mahnte der Präsident der Industrie- und Handelskammer Chemnitz, Max Jankowsky - zugleich Chef einer Gießerei im Erzgebirge. «Made in China steht momentan für bezahlbare, innovative Mobilität.» Die Politik müsse die Rahmenbedingungen vor allem für mittelständische Zulieferbetriebe verbessern. Als Beispiel nannte er die Energiekosten, aber auch die fehlende Berücksichtigung der Region Chemnitz beim Aufbau eines Wasserstoffnetzes.

«Wir spüren nichts davon»

Das von Bundeskanzler Olaf Scholz ausgerufene Deutschlandtempo sei eine gute Idee, sagte Harry Rogasch vom chinesischen E-Auto-Hersteller Nio, «aber wir spüren nichts davon.» Der für sein Batteriewechsel-Konzept bekannte Hersteller verkauft seine Autos inzwischen auch in Deutschland und hat in der Bundesrepublik mehr als 1200 Beschäftigte. Nio sieht sich beim Aufbau von Stationen zum Tausch der Batterien ausgebremst. Das Genehmigungsverfahren für jede einzelne Station dauere mehr als ein Jahr. Bisher habe das Unternehmen sieben Stationen gebaut. «Es könnten gut schon 50 oder 60 sein», betonte Rogasch.

Die Herstellung von Autos wird sich nach Einschätzung Bratzels immer mehr zum Softwaregeschäft wandeln. Damit täten sich Hersteller und Zulieferer in Deutschland sehr schwer. Er prognostizierte zudem einen stärkeren Preiskampf bei E-Autos. Doch werde das Ziel der Ampel-Koalition von mindestens 15 Millionen vollelektrischen Pkw bis 2030 nach jetzigem Stand klar verfehlt. Mit Blick auf die bisherige Entwicklung bei Neuzulassungen seien nur 7 bis 8 Millionen batterieelektrische Autos 2030 realistisch.

Kernfaktoren, um Elektromobilität voranzubringen, seien Reichweite, Ladeinfrastruktur und Preis der Fahrzeuge, sagte Bratzel. Mit einem dichten und verlässlichen Schnellladenetz bräuchten die Fahrzeuge selbst weniger Batteriekapazität und könnten entsprechend preiswerter werden. «Hier haben wir aber nach wie vor ein Riesenproblem.»

© dpa
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