Infektionswelle belastet Kinderkliniken

Nach zwei Jahren mit Corona-Schutzmaßnahmen grassieren nun vor allem die für die Jüngsten gefährlichen Erreger wie RSV. Auch in Sachsen füllen schwerkranke kleine Patienten die Kinderstationen - mit Folgen für die belasteten Krankenhäuser.
Eine Pflegekraft geht auf einer Intensivstation über den Flur. © Fabian Strauch/dpa/Symbolbild

Die Welle von Atemwegsinfekten bei den 0- bis 15-Jährigen bringt die Kinderkliniken in Sachsen an ihre Grenzen. «So schlimm wie in anderen Bundesländern wie Bayern, Nordrhein-Westfalen oder in Berlin ist es noch nicht», sagte Reinhard Berner, Direktor der Kinderklinik an der Uniklinik Dresden. Aber es gebe landesweit einen enormen Ansturm auf Praxen und Notaufnahmen. Wieland Kiess, Chef der Kinderklinik an der Uniklinik Leipzig, sagte: «Wir sind tatsächlich nicht in einer Katastrophe, aber im Krisenmodus.»

Der starke Anstieg vor allem an Influenzafällen und Infektionen mit dem für Babys und Kleinkinder gefährlichen Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) hat die Situation noch einmal verschlimmert. Dabei komme die winterliche Erkältungswelle nicht überraschend, sagte Kiess. In der Corona-Pandemie hätten Kinder keine Immunität gegen dieses Virus und andere übliche Viren entwickeln können, weil sie nicht in die Kita gegangen seien, Masken getragen hätten und geimpft wurden. «Und jetzt trifft die ganze Palette der Erkältungsviren das Land in einer Situation, wo die betroffenen Kinder vom Babyalter bis zum dritten, vierten Lebensjahr nicht immunisiert sind.»

Nach Angaben der Landesuntersuchungsanstalt (LUA) haben sich die Fallzahlen der RSV-Infektion bei den 0- bis 15-Jährigen im Freistaat seit Anfang November versechsfacht, von 63 in der ersten auf 366 in der vergangenen Woche. Seit Beginn der Erkältungssaison summiert sich die Fallzahl in dieser Altersgruppe auf 834. Der Fünfjahres-Mittelwert liegt bei 627. Die Zahl der im Krankenhaus befindlichen jungen Patienten erhöhte sich von 19 auf 102. Bei Influenza stiegen die Fallzahlen auf das Achtfache - auf 328.

Die Dresdner Kinderklinik ist laut Kiess recht voll, die Leipziger brechend voll. «Aber wir schaffen es und weisen kein Kind ab, das akute Atemnot hat oder schwer krank ist.» Das habe aber Folgen für andere kleine Patienten, die etwa für geplante Eingriffe auf später umbestellt werden. Und Kinder, denen es wieder einigermaßen gut gehe, würden entlassen. Aktuell sei etwa ein Fünftel der Betten in Dresden und Leipzig mit RSV-infizierten Kindern belegt.

Das Sozialministerium sieht keine «dramatische Situation» und geht davon aus, dass die Krankenhäuser die Patientenversorgung mit den vorhandenen Kapazitäten, Kooperationen oder der Verlegung von Patienten sichern können. Die Lage sei weiterhin an vielen Stellen angespannt, auch weil viel Personal ausfalle, hieß es auf Anfrage. Stark beansprucht seien auch Kinderarzt-Praxen, das sei aber typisch für die Jahreszeit und nicht überraschend.

Über den Vorschlag von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), Pflegekräfte aus der Erwachsenenmedizin einzusetzen, kann Kiess nur den Kopf schütteln. «Die haben selbst keine mehr.» Denn es seien jetzt auch viele Schwestern und Ärzte krank. Die Kinderkliniken seien so lange totgespart worden, bis es knallt. «Jetzt merken wir das, wir haben ja keine Betten, was viel schlimmer ist, wir haben keine Schwestern.»

Kiess plädiert dafür, dass Politik, Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte endlich inhalts- und bedarfsbezogen an einem Runden Tisch sprechen. «Wir bräuchten im Prinzip nicht unbedingt mehr Betten, aber Zentren, in denen Betten vorgehalten werden.» Die Kinderkliniken seien lange totgespart worden.

«An der Grenze zum Versorgungsengpass ist es noch nicht», sagte sein Dresdner Kollege Berner. Aber auch die Belastung für die Pflege der infizierten Kinder sei erheblich, die meist sehr klein und akut schwer krank seien und beatmet werden müssten. «Aber wir sind noch nicht an dem Punkt, dass Kinder sterben, weil sie nicht mehr behandelt werden können.» Dabei sei das RS-Virus lange bekannt und schon immer das bedeutendste im Winter. Während die Kleinen mit dem Coronavirus gut umgehen könnten, sei das RS-Virus tückischer, mache akut schwer krank - und das in der ganzen Welt. «Für Kinder weltweit bräuchte es einen RS-Virus- statt Coronavirus-Impfstoff.» Die Bemühungen, einen RSV-Impfstoff herzustellen, «sind Lichtjahre von den Anstrengungen entfernt, einen Corona-Impfstoff zu entwickeln.»

© dpa
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