Polizistenmord: Hauptangeklagter brüstete sich mit Jagd

07.07.2022 Als Jäger tötete er immer mit Kopfschuss: Damit hat der Hauptangeklagte im Polizistenmord-Prozess nach Angaben von Ermittlern bei seinen Jagdkumpels angegeben. Die jungen Polizisten bei Kusel starben auch an Kopfschüssen.

Der Vorsitzende Richter Raphael Mall (M) steht mit Kollegen und Schöffen im Verhandlungssaal des Landgerichts Karlsruhe. © Uwe Anspach/dpa-Pool/dpa/Archivbild

Der Hauptangeklagte im Polizistenmord-Prozess hat sich laut Ermittlern nach der Jagd in Chatgruppen mit den erlegten Tieren gebrüstet. Zu einem Video über von ihm in einer Kammer aufgehängten 15 Wildtieren schrieb er demnach unter anderem: «Eine geile Aufbrecherei», berichtete der Polizeibeamte. Zudem habe der Jäger ein anderes Mal getextet, dass er «aus Langeweile» sieben Rehe geschossen habe, darunter vier Kitze. «Alles Kopfschuss - wie immer.»

Der 39-Jährige steht seit 21. Juni vor dem Landgericht Kaiserslautern, weil er Ende Januar nahe Kusel (Pfalz) bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle zwei junge Polizisten mit Kopfschüssen ermordet haben soll - um Jagdwilderei zu verdecken. Ein 33 Jahre alter Komplize, der bei der Tat dabei gewesen sein soll, ist wegen versuchter Strafvereitelung angeklagt. Er soll beim Spurenverwischen geholfen haben.

Der Ermittler aus Kaiserslautern, der derzeit bei der Polizei im Saarland abgeordnet ist, berichtete aus den Vernehmungen eines beteiligten Jägers von regelrechten Jagdorgien. Es habe eine Rollenverteilung gegeben: Der Hauptangeklagte habe aus dem Auto auf Wild geschossen, der Nebenangeklagte sei fürs Bergen der toten Tiere zuständig gewesen. Wenn das Fahrzeug voll war mit Wild, sei man zum Abladen auf einen Hof gefahren und wieder rausgefahren.

«Das macht deutlich, dass es bei der Geschichte nicht um Jagd geht. Ein Jäger macht so was nicht. Das ist die Anschaffung von Fleisch», sagte der Polizeioberkommissar. Da der Hauptangeklagte weiter auf Jagd war, obwohl er seit April 2020 keinen Jagdschein mehr hatte, seien inzwischen mehrere Anzeigen erstellt worden, so der Polizist.

Offiziell hatte er da nur noch vier Schalldämpfer, aber keine Waffen mehr besessen, berichtete eine Kreisbeschäftigte beim Saarpfalz-Kreis in Homburg vor Gericht. Laut Nationalem Waffenregister waren auf die Ehefrau des 39-Jährigen unter anderem die Waffen eingetragen, die auch in der Anklage aufgelistet sind, wie der Vorsitzende Richter sagte.

«Er stellt sich gerne dar», sagte ein langjähriger Bekannter des 39-Jährigen, der ihn seit gut zehn Jahren von der Jagd kennt. «Er ist von sich selbst überzeugt.» Er sei viel besser als ein normaler Schütze gewesen. Dass er den Kopfschuss bevorzugt habe, hinge damit zusammen, dass er möglichst viel unbeschädigtes Fleisch verkaufen wollte.

Zuvor hatte ein Ermittler über die Vernehmung der Verlobten des Nebenangeklagten berichtet. Sie habe ausgesagt, dass der 33-Jährige nach seiner Rückkehr nach der Tat zuhause gezittert und fast geweint habe, sagte der Polizeibeamte. Er habe zu ihr über den Hauptangeklagten gesagt: «Er hat heute Nacht zwei Bullen erschossen.»

Er sei gemeinsam mit dem Hauptangeklagten mit dem Transporter in Sulzbach vorgefahren. Der 39-Jährige habe ihrem Verlobten eine rote Kiste gegeben und gesagt: «Mach da alles rein», sagte sie den Ermittlern zufolge. Mit «alles» war die getragene Kleidung gemeint, die später verbrannt werden sollte.

Insgesamt sei der Komplize öfter mit dem Hauptangeklagten zur Jagd gegangen. Er habe aber nie geschossen, sagte die Verlobte nach Angaben der Ermittler. Das habe der Hauptangeklagte übernommen.

In einer erneuten Einlassung wiederholte der Hauptangeklagte weitgehend seine vorherige Aussage. Er habe mit einem Gewehr drei Schüsse auf einen Polizisten abgegeben, der aber zuerst geschossen habe. Immer wieder habe er «Hört auf!» gerufen, aber die Schüsse seien weitergegangen, sagte der 39-Jährige. Er schilderte eine Art Notwehrlage - und gab erneut dem Nebenangeklagten die Schuld am Tod der Polizistin.

Am Donnerstag machte sich das Gericht zudem virtuell ein Bild vom Tatort. Dafür hatten Experten vom Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz und vom Bundeskriminalamt ein 3D-Modell entwickelt, das mittels Virtual Reality (VR) «begehbar» war. Der Vorsitzende Richter begab sich mittels VR-Brille an den virtuell nachgestellten Tatort - was auf eine Leinwand übertragen wurde. «Das ist Wahnsinn», sagte er über die Technik.

In dem Modell integriert waren Luftbildaufnahmen vom Tatort, Laserscans und Funde wie Patronenhülsen. Anhand der «Begehung» versuchten die Prozessbeteiligten Erkenntnisse über die Abgabe der Schüsse zu gewinnen. Auch die Abstände der Fahrzeuge zu gefundenen Hülsen sorgten für Gesprächsstoff.

Weitere Ermittler berichteten über die Auswertung von Funkzellen, Standortendaten und Videokameras, die die Abläufe der angeklagten Taten belegten. Ein anderer Polizist erzählte von seinen Eindrücken, als er wenige Stunden nach der Tat am Tatort eintraf. Bei der Beschreibung der beiden Leichen stockte seine Stimme. Die Gewalttat am 31. Januar sorgte bundesweit für Entsetzen.

Der Prozess geht am 14. Juli mit der Vernehmung von Zeugen weiter. Bisher gibt es Termine bis 19. Oktober.

© dpa

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