Schnelle Hilfe für Kulturgüter nach Katastrophen

Erstretter für verschmutztes Kulturgut sollen möglichst schnell im Katastrophengebiet sein. Das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz hat dazu mit Unterstützung des Auswärtigen Amts ein einzigartiges Projekt entwickelt.
Restauratorin Melanie Lewalter reinigt im zukünftigen Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA) ein verschmutztes Objekt. © Arne Dedert/dpa

Restauratorin Melanie Lewalter schaut durch ein Mikroskop und reinigt mit Weizenstärke aus einem Sandstrahlgebläse eine verrußte römische Keramikscherbe. Die Druckluft für das Gebläse erzeugt ein zusammensetzbarer Kompressor mit Staubfilter. Die Trockenreinigungsstation ist auf einem 1,10 Meter mal 70 Zentimeter großen, rollbaren Tisch aufgebaut, der sich gut transportieren lässt und mit einem einzigen Schraubenzieher aufgebaut werden kann. Der Modultisch mit spezialisierter Funktion ist das Kernstück des am Römisch-Germanischen Zentralmuseum (RGZM) in Mainz entwickelten Projekts «KulturGutRetter» - einem Mechanismus zur schnellen Hilfe für Kulturerbe in Krisensituationen.

Wie flexibel die Modultische sind, zeigt die Nassreinigungsstation gleich neben der Trockenreinigung. Mit einem Wasser-Druckluft-Gemisch befreit Restauratorin Lewalter an dem Tisch vorsichtig eine Schale von Schlamm.

«Wir brauchen nur Strom und Wasser», sagt Projektleiter Christian Eckmann am Donnerstag bei der Vorstellung des Projekts. Dann sei die erste, basale Versorgung der bei Bränden, Erdbeben oder Flutkatastrophen beschädigten Kulturgüter auf wissenschaftlicher Basis möglich. Die Tische lassen sich nicht nur zu Reinigungsstationen ausbauen, sondern auch mit Kameras ausstatten und zum Leuchttisch umfunktionieren. Sie eignen sich auch als Arbeitsfläche für Laptops mit Barcode-Drucker und Vakuumiergerät für das luftdichte Verpacken der erstgereinigten Kulturgüter.

Ziel des im RGZM entwickelten und erprobten Projekts ist die Erstrettung von Kulturgütern überall auf der Welt. «Dabei geht es darum, Zeit zu gewinnen», sagt Eckmann. «Unsere "First-Aid"-Konsverierung dient immer dazu, dem weiteren Zerfall der Objekte vorzubeugen und Zeit für eine nachhaltige Konservierung zu gewinnen.»

Kooperationspartner des RGZM sind das Technische Hilfswerk als Logistikpartner für Flüge, Wasser- und Stromversorgung sowie das Deutsche Archäologische Institut mit seiner Expertise für Architektur und Museumsgebäude, sagte die Koordinatorin des Projekts, Christiane Nowak-Lipps. «Ohne das THW könnten wir uns gar nicht bewegen.»

Das Auswärtige Amt finanziere das auch vom Deutschen Bundestag unterstützte Projekt mit bislang zweimal 280.000 Euro für Sach- und Personalmittel. «Wir hoffen, dass es weiter geht.» Das Projekt solle nun noch auf die schnelle Rettung von bei Katastrophen beschädigten Gemälden, Archivalien, Papier und Naturmaterialien wie Federn ausgeweitet werden.

Initialzündung des Projekts sei der Brand im brasilianischen Nationalmuseum in Rio 2018 gewesen, berichtete Nowak-Lipps. Damals sei deutlich geworden, dass die gewünschte Hilfe für die Kulturgüter gar nicht geleistet werden konnte. Damit die «KulturGutRetter» schnell im Katastrophengebiet sind, wird jeder der miteinander verbindbaren Tische in eine gut transportable und stapelbare Box gepackt.

Die Reinigung an den Modultischen mit ihren spezialisierten Funktionen sei so einfach, dass in den Katastrophengebieten auch Laien in die Restaurierung mit einbezogen werden könnten - angeleitet von Fachleuten. Nur so könnten überall auf der Welt vor Ort beschädigte Kulturgüter auch schnell genug erstversorgt werden. Möglichst innerhalb von 24 Stunden sollen die Kisten mit den zusammengeklappten Tisch-Modulen nach Möglichkeit am Katastrophenort sein.

© dpa
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