Bistum stellt sich neu auf: Kirche «nicht im Ausverkauf»

27.04.2022 Die Zeit der Volkskirche neigt sich nach Ansicht des Mainzer Bischofs dem Ende entgegen. Die katholische Kirche muss künftig mit weniger Geld und Personal auskommen. Nicht nur in Mainz stellt man sich darauf ein, sondern auch in anderen Bistümern in Rheinland-Pfalz.

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf steht vor dem Dom. © Arne Dedert/dpa/Archivbild

Angesichts sinkender Mitgliederzahlen, geringerer Einnahmen aus der Kirchensteuer und immer weniger Priestern stellt sich das Bistum Mainz für die Zukunft neu auf. Aus den bislang 134 Pfarrgruppen und Pfarreienverbünden sollen bis zum Jahr 2030 insgesamt 46 neue Pfarreien mit jeweils etwa 8000 bis 18.000 Gemeindemitgliedern entstehen. An diesem Donnerstag ist mit der Errichtung von 46 sogenannten Pastoralräumen offizieller Auftakt zur zweiten Phase der Strukturreform. Aus diesen Zusammenschlüssen sollen die neuen Pfarreien hervorgehen. «Es ist ein Einschnitt in der Geschichte des Bistums», sagte Bischof Peter Kohlgraf am Mittwoch.

In vielen Gemeinden gebe es Sorgen, dass in den neuen, großen Pfarreien die Nähe verloren gehe, räumte er ein. Das müsse aber nicht zwangsläufig so sein. «Ich sehe uns nicht im Ausverkauf», betonte er. Es sei eben nicht nur eine «Notsituation, sondern bietet Möglichkeiten, im Gemeindeleben neue Formen von Nähe zu praktizieren».

So könnten die einzelnen Gemeinde und andere «Kirchorte» wie beispielsweise Kitas, Schulen und Einrichtungen der Caritas Netzwerke bilden und besondere Schwerpunkte setzen, erklärte Kohlgraf. Auch Frauen sollen in der neuen Struktur als Koordinatorinnen und Verwaltungsleiterinnen eine wichtige Rolle spielen.

«Die Kirche verändert sich, die Menschen verändern sich», sagte der Bischof. «Heute ist man anders katholisch als vielleicht vor 40 oder 50 Jahren.» Auch wenn dies vielleicht einige bedauerten, sei der Gedanke, miteinander die Kirche zu gestalten, heute vielen Mitgliedern wichtiger, als dies früher der Fall gewesen sei.

Kohlgraf geht davon aus, dass die nun eingeleitete Strukturreform das Bistum zukunftsfest macht. «Ich werde, wenn der liebe Gott mich lässt, noch 20 Jahre Bischof von Mainz sein», sagte der 55-Jährige. Er glaube, dass die neue Struktur für diesen Zeitraum tragfähig sei und dass weder er noch «hoffentlich» auch sein Nachfolger Strukturprozesse in dieser Größenordnung noch einmal anpacken müssten.

Das Bistum Mainz zählte zuletzt knapp 687.000 Mitglieder. Es liegt zu etwa zwei Dritteln in Hessen und zu einem Drittel in Rheinland-Pfalz. Kohlgraf trat sein Amt als Bischof 2017 an. Er gilt als Reformer, der wiederholt betont hat, dass die Kirche angesichts ihrer schwindenden Ressourcen nicht einfach alles weiterlaufen lassen könne. «Die Zeit der Volkskirche, in der viele auch emotional groß geworden sind, geht dem Ende entgegen oder ist bereits an ein Ende gekommen», hatte er Ende 2021 erklärt.

Ein weiterer wichtiger Einschnitt beim Umbau des Bistums kommt am 31. Juli, wenn die bisherige administrative Zwischenebene, die 20 Dekanate, formell aufgelöst werden. Ein Teil ihrer Aufgaben sollen auf die Bistumsebene, ein anderer auf die neuen Großpfarreien übergehen. Als neue Mittelebene wird sich das Bistum künftig in vier Regionen gliedern, wie Susanne Barner, die Geschäftsführende Vorsitzende der Diözesanversammlung, erklärte.

Diese vier Regionen sind: Oberhessen (bisherige Dekanate Alsfeld, Gießen, Wetterau-Ost und -West), Mainlinie (bisherige Dekanate Dreieich, Offenbach, Rodgau, Rüsselsheim, Seligenstadt), Rheinhessen (bisherige Dekanate Alzey-Gau-Bickelheim, Bingen, Mainz-Stadt und -Süd, Worms) und Südhessen (bisherige Dekanate Bergstraße-Mitte, -Ost, -West, Darmstadt, Dieburg, Erbach).

Die ersten Neugründungen von Pfarreien im Bistum soll es Anfang 2024 geben. Kandidaten sind die Pastoralräume Ingelheim (Rheinland-Pfalz), Viernheim, Langen-Egelsbach und Einhausen-Lorsch (Hessen). Ein weiterer möglicher Kandidat ist der Pastoralraum Offenbach (Hessen), bei dem es aber aufgrund seiner Größe noch nicht klar ist, ob die Pfarreigründung zum 1. Januar 2024 oder 2025 erfolgt.

Ein Blick auf die anderen Bistümer in Rheinland-Pfalz

Im Bistum Trier sollen die im Zuge einer Reform anvisierten neuen größeren Pfarreien bis Ende 2025 entstehen. Geplant ist, dass die bisher in 172 Pfarreiengemeinschaften zusammengeschlossenen Pfarreien jeweils zu einer Pfarrei fusionieren. Das heißt, dass am Ende aus 887 Pfarreien 172 werden. Zudem sind 35 pastorale Räume vorgesehen, in denen über Pfarreigrenzen hinweg zusammengearbeitet werden soll. Anfang dieses Jahres sind die ersten 15 pastoralen Räume bereits gestartet, die anderen 20 folgen im Januar 2023. Die pastoralen Räumen lösen die bisherigen Dekanate ab. Die Reformpläne gehen auf Beschlüsse einer Synode von 2016 zurück. Das Bistum Trier zählt rund 1,3 Millionen Katholiken in Rheinland-Pfalz und im Saarland.

Das Bistum Speyer hat seine Pfarreien bereits im Jahr 2015 neu aufgestellt. Damals wurden aus bisher 346 Pfarrgemeinden 70 neue Pfarreien gebildet. Eine weitere Veränderung der Pfarreistruktur ist nach Angaben des Bistums aktuell nicht geplant. «Auch die Struktur der Bistumsverwaltung hat sich bewährt und steht aktuell nicht zur Debatte», sagte ein Sprecher. Untergliedert ist das Bistum in zehn Dekanate.

Das Bistum Limburg, dass sich über Hessen und Rheinland-Pfalz erstreckt, hat ebenfalls auf die veränderten Rahmenbedingungen für die Kirche reagiert - in der Diözese läuft seit 2011 ein Umstrukturierungsprozess. Dabei werden «Pfarreien neuen Typs» eingerichtet, die laut Bistum als «Netzwerk mit verschiedenen Knotenpunkten» wie der Gemeinde am Ort, Kitas oder Caritas-Einrichtungen fungieren. Bislang gibt es davon 42. «Mit der Errichtung fünf weiterer Pfarreien zum 1.1.2023 wird der Prozess der Neuordnung formal abgeschlossen sein», teilte ein Sprecher mit. Der Prozess der inhaltlich-pastoralen Veränderung werde fortgesetzt. «Die Kirchengemeinden sollen so ihr Engagement verstärkt darauf ausrichten, was die Menschen von heute für ein gelingendes Leben brauchen.»

© dpa

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