Dimension der Flutkatastrophe erst später klar

Das Lagezentrum des Innenministeriums ist in der Flutnacht noch nicht von einer Katastrophe ausgegangen. Eine Polizistin in Koblenz aber schon. Im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe geht es auch noch einmal darum, wo denn nun der Landrat war.
Durch die Wassermassen der Jahrhundertflut im vergangenen Jahr zerstört wurde die historische Ahrbrücke in Rech. © Boris Roessler/dpa/Bildarchiv

Das Ausmaß der Flutkatastrophe im nördlichen Rheinland-Pfalz mit mindestens 135 Toten vor einem Jahr war dem Lagezentrum des Innenministeriums nach Darstellung mehrerer Beamter erst Tage später klar. «Wir hatten ein Informationsdefizit in der Nacht», sagte etwa der Leiter des Lagezentrums, Heiko Arnd, am Freitag im Landtags-Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe in Mainz. Das Ausmaß der Katastrophe habe er selbst weder am 14. noch am 15. Juli 2021 erfasst, «sondern erst in den darauffolgenden Tagen».

Der für das Lagezentrum zuständige Abteilungsleiter im Innenministerium, Dieter Keip, sagte: «Dass in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte unseres Landes eintreten würde, ist mir erst im Laufe der nächsten Tage klar geworden.» Dienstgruppenleiter Markus Brugger aus dem Lagezentrum sagte: «Ich bin von einer Hochwasserlage ausgegangen, nicht von einer Katastrophe.»

Das Lagezentrum habe in der Nacht ständig versucht, Informationslücken zu schließen und regelmäßig mit der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) und den Polizeipräsidien in Koblenz und Trier telefoniert, berichtete Arnd. Das Lagezentrum trägt Informationen der Polizei zusammen und erstellt sogenannte Lagebilder, leitet aber keine Einsätze. Die Wettermeldungen am 14. Juli tagsüber seien wenig spezifisch und für die Sommerzeit nicht ungewöhnlich gewesen, sagte Arnd.

Bei seinem Dienstantritt gegen 22.00 Uhr habe im Lagezentrum der Schwerpunkt zunächst noch auf dem Raum Trier und erst irgendwann nach Mitternacht auf der Ahr gelegen, berichtete Brugger.

Die Existenz einer großen Flutwelle an der Ahr war der Polizei dagegen nach Darstellung einer Koblenzer Hauptkommissarin um diese Uhrzeit bereits klar. «Ich habe um 22.00 Uhr meinen Dienst angefangen. Da hatten wir keine Hochwasserlage mehr, da hatten wir eine Flutkatastrophe», sagte Marita Simon von der Führungszentrale des Polizeipräsidiums Koblenz.

Sie sei mit den Worten begrüßt worden: «In Schuld sind gerade sechs Häuser von der Flutwelle weggerissen worden», berichtete die 56-Jährige. «Wenn sechs Häuser weggerissen werden und man mit Toten und Verletzten rechnen muss, ist das für mich der Beginn einer Katastrophe.» In der Integrierten Leitstelle in Koblenz sei ihr zudem gesagt worden: «Hier ist Land unter.» Es könnten keine Prioritäten mehr gesetzt werden. Denn: «Das ganze Ahrtal ist mehr oder weniger ein Schwerpunkt.»

Von den sechs eingestürzten Häusern in Schuld habe Simon ihm auch gegen 22.30 Uhr am Telefon berichtet, sagte Brugger. Er habe mehrfach mit ihr in der Nacht telefoniert. «Die ersten Eindrücke sind schnell geschildert», sagte Brugger. Aber Valides komme in der Regel schriftlich - und dies sei aus Koblenz erst viel später gekommen. Ein Foto aus einem Hubschrauber, mit dem Simon auf das Ausmaß aufmerksam machen wollte, sei unscharf gewesen und habe ausgesehen, «wie ein See, wo Hochhäuser drin standen».

Innenminister Roger Lewentz (SPD) habe gegen 0.45 Uhr im Lagezentrum angerufen und sei allgemein über die eingestürzten Häuser im Ahrort Schuld unterrichtet gewesen, sagte Arnd. Zu diesem Zeitpunkt habe es aber noch keine konkreten Hinweise auf Tote oder Verletzte gegeben. Er habe Lewentz wegen «unklarer Lage» davon abgeraten, ins Polizeipräsidium Koblenz zu fahren.

Der Journalist Willi Willig berichtete, er habe gegen 19.45 Uhr mit Lewentz telefoniert, kurz nachdem dieser die Technische Einsatzleitung (TEL) im Kreis Ahrweiler verlassen hatte. Lewentz habe in dem Telefonat berichtet, ein Haus in Schuld sei eingestürzt und er habe die Zustände als «katastrophal und wirklich schlimm» geschildert, berichtete Willig. Der Minister habe aber den Eindruck erweckt, «es sei alles schon vorbei». Er habe nicht den Eindruck gemacht, als erwarte er, dass die Lage dramatisch werden könne, oder als hätte er von irgendwem darauf einen Hinweis bekommen.

Außer zu dem kurzen Treffen mit Lewentz in der TEL hielt sich Ahr-Landrat Jürgen Pföhler nach den Worten einer engen politischen und privaten Freundin in der Flutnacht vor allem in seinem Haus in Bad Neuenahr-Ahrweiler auf. Dies habe sie aber erst viel später erfahren, sagte die 71 Jahre alte CDU-Kommunalpolitikerin. Sie selbst sei am 14. Juli gegen 21.00 Uhr ins Bett gegangen - in dem Bewusstsein «alles ist unter Kontrolle. Die Situation ist geregelt». Es habe an ihrem Wohnort im schwer getroffenen Weinort Dernau keine Hochwasser- oder Flutwarnung gegeben. Pföhler habe sie auch nicht persönlich gewarnt.

Auf die Frage des Ausschuss-Vorsitzenden Martin Haller (SPD), ob sie auch ein «romantisches Verhältnis» zu Pföhler gehabt habe, antwortete die Zeugin: «So hat es in der Zeitung gestanden. Ja.» Die pensionierte Studiendirektorin berichtete, sie habe den damaligen Landrat eine Woche nach der Katastrophe bei einer CDU-Fraktionssitzung gesehen und «einen gebrochenen Menschen erlebt». «Er war am Ende.» Deshalb habe sie ihn auch nicht mehr nach der Flutnacht gefragt.

© dpa
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