Ein Jahr nach der Flut: Glockengeläut und Menschenketten

Mit Kerzen und Menschenketten gedenkt das Ahrtal der Toten der Flutkatastrophe. Und der Untersuchungsausschuss geht weiter der Frage nach, was in der verhängnisvollen Nacht behördlich schieflief.
Zum Gedenken an die Opfer der Flutkatastrophe entzünden Menschen am Ufer der Ahr in Schuld Kerzen. © Boris Roessler/dpa

Zum Jahrestag der Flutkatastrophe im Ahrtal haben auch am Freitag zahlreiche Menschen der mindestens 134 Toten des verheerenden Hochwassers gedacht. Der Landtag in Mainz setzte unterdessen die politische Aufarbeitung fort. Im Untersuchungsausschuss des Parlaments zur Ahrtal-Flut vom Juli 2021 ging es unter anderem noch einmal um die Rolle des damaligen Landrats Jürgen Pföhler (CDU).

«Als Zeichen der gemeinsamen Trauer und Hoffnung» sollten laut der Kreisverwaltung Ahrweiler am frühen Freitagabend vielerorts im Ahrtal die Kirchenglocken läuten. Zudem waren lange Menschenketten vorgesehen. Entlang des Kurparks in der Kreisstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler zum Beispiel nahmen sich etliche Hundert Bürger, Jung und Alt, an der Hand. Eine Viertelstunde lang erklangen hier die Kirchenglocken. Zuvor hatte ein Posaunenchor gespielt.

Bei einem ökumenischen Gottesdienst im Freien in Ahrbrück erinnerten der katholische Trierer Bischof Stephan Ackermann und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Thorsten Latzel an die Tragödie ein Jahr zuvor. Latzel sagte laut Redemanuskript: «Die Flut hat Menschen getötet, Häuser weggerissen, Lebenspläne zerstört. Und sie hat bei vielen Betroffenen tiefe Spuren hinterlassen.» Nun gelte es, Hoffnung neu zu lernen.

Bischof Ackermann ergänzte: «Menschen haben das Tal traumatisiert, resigniert, unter Abschiedsschmerz verlassen.» Für andere sei klar: «Das ist meine Heimat, begnadet, gesegnet - trotz allem.»

An vielen Orten im Ahrtal waren am Freitag lokale Gedenkveranstaltungen geplant. Dazu gehörte zum Beispiel eine Zusammenkunft von Hunderten Bürgern in Heppingen, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler. An einer neu errichteten Notbrücke über der Ahr waren viele Kerzen zum Gedenken an die Flut und ihre Todesopfer aufgereiht. Nach einer Schweigeminute ergriffen die Bürger ein langes rotes Seil als Zeichen ihrer Verbundenheit, um zum örtlichen Bürgerhaus zu einer Gedenkfeier zu gehen.

Das Ausmaß der Flutkatastrophe im nördlichen Rheinland-Pfalz mit mindestens 135 Toten vor einem Jahr (134 im Ahrtal und ein Mann in der Eifel) war dem Lagezentrum des Innenministeriums nach Darstellung mehrerer Beamter erst Tage später klar. «Wir hatten ein Informationsdefizit in der Nacht», sagte der Leiter des Lagezentrums im Landtagsuntersuchungsausschuss. Dies lasse sich jetzt im Nachhinein sagen. Das Ausmaß habe er selbst weder am 14. noch am 15. Juli 2021 erfasst, «sondern erst in den darauffolgenden Tagen».

Der ehemalige Ahr-Landrat Jürgen Pföhler hat sich nach den Worten einer engen politischen und privaten Freundin in der Flutnacht vor allem in seinem Haus in Bad Neuenahr-Ahrweiler aufgehalten. Dies habe sie aber erst viel später erfahren, sagte die 71-Jährige als Zeugin aus. Sie selbst sei am 14. Juli 2021 gegen 21.00 Uhr ins Bett gegangen - in dem Bewusstsein «alles ist unter Kontrolle. Die Situation ist geregelt». Es habe an ihrem Wohnort im Ahr-Ort Dernau keine Hochwasser- oder Flutwarnung gegeben. Pföhler habe sie auch nicht gewarnt.

Nach Aussage einer weiteren Zeugin war schon am 14. Juli 2021 gegen 22.00 Uhr klar, dass es eine große Flutwelle an der Ahr gibt. «Ich habe um 22.00 Uhr meinen Dienst angefangen. Da hatten wir keine Hochwasserlage mehr, da hatten wir eine Flutkatastrophe», sagte eine Kriminalhauptkommissarin, die in der Führungszentrale des Polizeipräsidiums Koblenz arbeitete.

Sie sei zu Dienstbeginn mit den Worten begrüßt worden: «In Schuld sind gerade sechs Häuser von der Flutwelle weggerissen worden». Im Radio habe sie zuvor gehört, dass die Autobahn 61 gesperrt und eine Mauer zusammengebrochen war. «Wenn sechs Häuser weggerissen werden und man mit Toten und Verletzten rechnen muss, ist das für mich der Beginn einer Katastrophe.»

© dpa
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