Zeugen zur Flutkatastrophe berichten von langer Chaosphase

Zwei Bürgermeister, ein Oberst und ein Notfallarzt berichten über die Sturzflut durch das Ahrtal. Der Untersuchungsausschuss des Landtags ergänzt so sein Bild um weitere Mosaiksteine. Die Befragung von weiteren Polizisten wurden vertagt.
Ein Rettungswagen fährt über die Straße. © Boris Roessler/dpa/Symbolbild

Die erste Zeit nach der Flutkatastrophe im Sommer 2021 im Ahrtal war nach Aussage von Zeugen im Untersuchungsausschuss des Landtags Rheinland-Pfalz ausgesprochen chaotisch. «Diese Chaosphase hat sich über Wochen gezogen, mindestens vier, wenn nicht noch länger», sagte am Freitag der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenahr, Dominik Gieler. Bei der Flutkatastrophe waren mindestens 134 Menschen ums Leben gekommen.

«Die Chaosphase war nicht kurz, sondern deutlich länger», sagte auch der Oberfeldarzt am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Dennis Ritter. So habe das Mobilfunknetz erst am 16. Tag der Katastrophe wieder funktioniert. Auch hätten sich Einsatzgruppen aus anderen Bundesländern eigenständig wieder abgemeldet oder das Einsatzgebiet sogar ohne Abmeldung einfach wieder verlassen.

Hingegen sagte der Kommandeur der Bundeswehr in Rheinland-Pfalz, Stefan Weber, die Chaosphase sei aus seiner Sicht bereits am 17. Juli zu Ende gegangen, also drei Tage nach der Sturzflut vom 14. Juli. An diesem Tag übernahm die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) im Auftrag des Landes die Einsatzleitung von der Kreisverwaltung. Weber stellte die Zusammenarbeit mit zivilen Stellen bei der Flutkatastrophe im Ahrtal als insgesamt effizient dar. «Aus meiner Sicht lief das», sagte der Oberst zur Kommunikation mit der zivilen Einsatzleitung.

Als Beispiel nannte er die Errichtung von Behelfsbrücken. Dies sei in lediglich sechs Minuten möglich. Aber «mir muss jemand sagen, wo sollen die Brücken hin». Dies sei dann mit der zivilen Einsatzleitung entschieden worden, auch in Gesprächen mit dem ADD-Präsidenten Thomas Linnertz.

Die Bürgermeister von zwei Gemeinden im Kreis Ahrweiler beschrieben, dass sie zunächst weitgehend auf sich allein gestellt waren, um der Bevölkerung zu helfen. «Mit der Kreisverwaltung habe ich überhaupt keinen direkten Kontakt gehabt», sagte der Bürgermeister von Kirchsahr, Stefan Zavelberg, am Freitag in Mainz. «Die waren zu weit weg vom Schuss.»

«Wir hatten Wochen oder sogar Monate danach durchaus Schwierigkeiten, Ansprechpartner genannt zu bekommen», sagte auch Bürgermeister Gieler aus Altenahr. In den ersten zwei bis drei Wochen habe er keine Struktur für den Katastropheneinsatz erkennen können. Es habe vielseitige Unterstützung gegeben, die aber hauptsächlich ehrenamtlich gewesen sei - und von der Bundeswehr.

Die eingesetzten Notärzte hielten ihre Erfahrungen in einem Positionspapier mit Vorschlägen für künftige Katastrophen fest, wie der Oberfeldarzt am Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz, Dennis Ritter, den Abgeordneten mitteilte. Dieser Erfahrungsbericht von vier leitenden Notärzten und Leitern von Rettungsdiensten sei am 18. Mai dieses Jahres an den Abteilungsleiter für Katastrophenschutz im rheinland-pfälzischen Innenministerium geschickt worden. «Wir haben leider keine Antwort bisher bekommen», sagte Ritter. An die Abgeordneten im Untersuchungsausschuss richtete der Arzt die Aufforderung: «Wir stehen zur Verfügung, nutzen sie diese Ressource, nutzen sie diese Erfahrung!»

Von Schwächen im System sprach der im Katastrophengebiet eingesetzte Wehrleiter der Feuerwehr in der Verbandsgemeinde Winnweiler (Donnersbergkreis), Christian Füllert. So habe es zunächst keine Lagekarte, keine genauen Angaben zum Einsatzgebiet, keine einheitliche Führung gegeben. Das habe sich auch auf die medizinische Versorgung ausgewirkt: «Wir hatten einen Herzinfarkt. Bis Hilfe eintraf, verging über eine Stunde.»

Die zunächst für Freitag geplante Befragung von Zeugen zum damaligen Polizeieinsatz wurde zurückgestellt. Die Abgeordneten im Ausschuss beschlossen, zunächst die Ergebnisse einer Überprüfung zur verspäteten Übermittlung von Polizeidokumenten abzuwarten. Bis zum Abschluss dieser Überprüfung wurde auch der Beweisantrag der AfD-Fraktion zu einer zweiten Vernehmung von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vorerst zurückgezogen, wie der Ausschussvorsitzende Martin Haller (SPD) mitteilte.

Der neue Innenminister Michael Ebling (SPD) hatte am 21. Oktober den Richter Christian Seel beauftragt, «Transparenz hinsichtlich der Aktenlieferung an den Untersuchungsausschuss» herzustellen und Widersprüche aufzuklären. Auch die Vollständigkeit der dem Untersuchungsausschuss vorgelegten Akten des Lagezentrums soll noch einmal überprüft werden.

Dem Untersuchungsausschuss sei es wichtig, «dass diese Arbeit gründlich und sorgfältig gemacht werden kann», sagte Haller. Ein neuer Termin für die Vernehmung der Zeugen zum Polizeieinsatz stehe noch nicht fest. Es sei aber vereinbart worden, auch im Dezember zu weiteren Sitzungen zusammenzukommen.

© dpa
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