Wiederaufbau nach Flut dauert Jahre: Trauer nicht vergessen

04.07.2022 Rund 65.000 Menschen waren von der Flutkatastrophe vor einem Jahr betroffen. Die versprochene unbürokratische Hilfe geht vielen zu langsam. Eine Zwischenbilanz.

Das Dorf Schuld in Rheinland-Pfalz fast ein Jahr nach der Ahr-Flutkatastrophe. © Boris Roessler/dpa/Archivbild

Mehr als eine halbe Milliarde Euro Wiederaufbauhilfe sind ein knappes Jahr seit der Flutkatastrophe im nördlichen Rheinland-Pfalz bewilligt. «Auch wir wollen, dass die Flutbetroffenen an das Geld kommen, das sie zum Wiederaufbau brauchen», sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Montagabend bei einer Diskussionsveranstaltung mit rund 130 Betroffenen und Beteiligten des Wiederaufbaus auf dem Nürburgring. Deswegen werde die Unterstützung bei der Antragstellung intensiviert; außer mit Telefon-Hotlines und Info-Points nun auch mit Hausbesuchen, so Dreyer. Der Wiederaufbaufonds von Bund und Ländern ist für Rheinland-Pfalz mit 15 Milliarden Euro ausgestattet.

«Trauer und Leid werden wir nicht vergessen und richten gleichzeitig unseren Blick nach vorne», sagte Dreyer. Sie rief zu Beginn der Veranstaltung mit dem Titel «Gemeinsam bauen wir wieder auf» zu einer Gedenkminute auf.

Die Ministerpräsidentin sagte auch: «Zusammen mit Kommunen, dem Landkreis, Freiwilligen und professionellen Helfern und Helferinnen aus der Region und ganz Deutschland und natürlich mit den Betroffenen haben wir schon viel erreicht.»

Die neue Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand (parteilos), sagte: «Nach dieser großen Zerstörung kommen auch ganz viele Chancen.» Diese - wie eine möglichst breite Ausstattung des Ahrtals mit Glasfaser - müssten auch genutzt werden. «Wir brauchen sehr viele Menschen für die Verwaltung, Ingenieurbüros und Fachkräfte vor Ort», betonte Weigand. Aus dem, was geschehen sei, «können und müssen wir ganz viel lernen». Ziel müsse es sein, «alles auf allen Ebenen besser aufzustellen».

Peter Diewald (CDU), Erster Beigeordneter der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, forderte ein deutlich besseres Frühwarnsystem. Dazu gehörten auch Modellierungen, wie sich steigende Pegel vor Ort auswirkten.

«Die Verarbeitung der verheerenden Hochwasserkatastrophe, aber auch der umfassende Wiederaufbau wird noch Jahre in Anspruch nehmen», sagte Klimaschutzministerin Katrin Eder (Grüne). «Die Menschen im Ahrtal brauchen Sicherheit und Lebensqualität. Das ist unsere allererste Verpflichtung.»

Für die beabsichtigte «zukunftsfähige und klimaangepasste Entwicklung des Ahrtals» und der anderen von der Naturkatastrophe betroffenen Gebiete sei die Wissenschaft eingebunden worden, sagte Dreyer. «Zum Wiederaufbau gehört auch, die seelischen Wunden zu lindern. Insbesondere das Traumahilfezentrum, das seit November 2021 als direkte Anlaufstelle Hilfe und Unterstützung bietet, leistet dabei wertvolle und direkte Hilfe vor Ort.» Derzeit werde eine langfristige psychosoziale Nachsorgestruktur aufgebaut.

Innenminister Roger Lewentz (SPD) sagte, die sieben betroffenen Kreise und die Stadt Trier hätten zusammen mehr als 4500 Einzelmaßnahmen für den Wiederaufbau der kommunalen Infrastruktur angemeldet, davon 2600 im Ahrtal. Für den kommunalen Wiederaufbau seien rund vier Milliarden Euro vorgesehen, davon 3,8 Milliarden Euro für den Kreis Ahrweiler. Zu den Zielen gehöre auch, die 87 zerstörten Sportstätten so aufzubauen, dass sie besser sind als vor der Katastrophe.

Alle kleinen Kinder könnten wieder in Kitas gehen, an einigen Standorten würden dafür Container genutzt, so Dreyer. Alle Schulen würden wieder an ihrem Standort betrieben, mit Ausnahme der beiden Förderschulen und der Grundschule Dernau. Diese Grundschule zieht in den Sommerferien in Container in Dernau-Marienthal. Auch für die beiden Förderschulen wird im kommenden Schuljahr eine vorübergehende Container-Lösung fertiggestellt. Fünf Krankenhäuser und zwei Rehakliniken wurden bei der Sturzflut beschädigt. Sie werden instandgesetzt – ausgenommen das Krankenhaus Trier-Ehrang, dessen Träger sich dagegen entschieden habe.

Die Katastrophe vom 14. und 15. Juli hatte sieben Landkreise und die Stadt Trier getroffen. Rund 65.000 Menschen sind betroffen, darunter etwa 42.000 im Ahrtal. Auf einer Länge von 40 Kilometern wurden Straßen, Brücken, Gas-, Strom- und Wasserleitungen und rund 9000 Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. 135 Menschen kamen ums Leben, davon 134 im Ahrtal. Zwei werden noch immer vermisst, 766 Menschen wurden verletzt.

Viele Menschen leben noch in Ausweichquartieren und wissen noch nicht genau, wie es weitergeht. Die Anträge für staatliche Hilfszahlungen sind kompliziert. Das Geld fließt oft erst nach etlichen Monaten. Gutachter und Handwerker sind häufig ausgebucht. Baumaterial ist oft nicht gleich zu bekommen.

Rund 350 Betroffene der Flutkatastrophe im Ahrtal hatten am Samstag bei einer Demonstration in Mainz ihren Unmut kundgetan. Es gehe vor allem um oftmals stockende Auszahlungen aus dem Wiederaufbaufonds und den beschlossenen Rückbau von Fluthilfe-Zentren im Ahrtal bis Ende Juli, sagten die Initiatoren.

© dpa

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