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Getrennt nach Geschlecht: Mädchenschulen als Paradox

Mädchen getrennt von Jungen unterrichten: Das Konzept ist alt, aber in wenigen Schulen in Rheinland-Pfalz noch aktuell. Doch welche Rolle spielen Mädchenschulen heute noch?
Maria Ward-Schule in Mainz
Die Maria Ward-Schule in Mainz, ein staatlich anerkanntes G9-Gymnasium für Mädchen. © Andreas Arnold/dpa

Es gibt nicht mehr viele davon, doch an zehn Schulen in Rheinland-Pfalz sind Mädchen den ganzen Tag unter sich. Im Klassenzimmer, auf dem Pausenhof, auf den Gängen - nirgends sind hier Jungen. Denn Schüler sind an den Mädchenschulen nicht erlaubt.

Im vergangenen Schuljahr gingen rund 6300 Schülerinnen in Rheinland-Pfalz auf eine der damals noch elf Mädchenschulen im Land. Diese sogenannten monoedukativen Schulen gibt es in Speyer, Landau, Kaiserslautern, Trier, Vallendar, Bingen und Mainz, wie das rheinland-pfälzische Bildungsministerium der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Es gibt zudem eine Jungenschule in Mainz. Doch ist das Konzept noch zeitgemäß?

Die größte Mädchenschule in Rheinland-Pfalz ist mit etwa 1200 Schülerinnen im vergangenen Schuljahr das Maria Ward-Gymnasium in Mainz. «Wir sind in der Tat keine Schule, die es verpasst hat, sich auf Koedukation umzustellen», sagt die Schulleiterin der Maria Ward-Schule, Ute Plötz. «Wir sind gerade bewusst auf Monoedukation geblieben, weil die freie Entfaltung von Talenten bei Monoedukation für Mädchen deutlich wirksamer ist, weil Rollenklischees wegfallen.»

An ihrer Schule gehe es vor allem darum, die Schülerinnen im MINT-Bereich - in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - zu aktivieren. «Der Talentbereich von Jungen und Mädchen ist wahrscheinlich identisch», sagt Plötz. «Aber das Selbstbewusstsein und die persönliche Entwicklung sieht so aus, dass sich Mädchen mehr zutrauen, wenn sie monoedukativ unterwegs sind.»

Das bestätigt auch die Forschung. «Es zeigt sich etwa, dass sich Mädchen in monoedukativen Kontexten in Physik nicht so zurückhalten», sagt Wiebke Waburg, Professorin für Pädagogik an der Universität Koblenz. «Gerade die Kurswahl passiert nämlich in einer Phase, in der sich Mädchen und Jungen geschlechtlich in ihrer Identität weiterentwickeln.» Die Frage, für wen jemand attraktiv sein wolle, spiele in unserer Gesellschaft in diesem Alter noch eine große Rolle. Ein Teil der Mädchen ziehe sich beim gemeinsamen Unterricht zurück, weil es ein «männlich konnotiertes Fach» sei.

Doch werden durch die Trennung Geschlechterrollen nicht betont und vermeintliche Unterschiede reproduziert? «Man hat das Paradoxe: Erstmal ist das Geschlecht Grundlage für die Aufnahme, aber dann kann die Vielfalt deutlicher hervortreten», sagt Waburg. «Weil man nicht denkt: «Ich muss mich wie ein typisches Mädchen verhalten.»»

Außerdem seien die Unterschiede abseits der Geschlechtertrennung gar nicht so groß. «Es gibt gute und schlechte Schülerinnen, es gibt Mädchen, die Clowns sind und den Unterricht stören, welche, die mitmachen wollen», sagt die Expertin. «Auf der Ebene, was da im Unterricht passiert, gibt es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.»

Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) war nach eigener Aussage selbst eine Zeit lang auf einem Mädchengymnasium, meist aber auf einer gemischten Schule. «Grundsätzlich halte ich es für richtig, Mädchen und Jungen zusammen zu unterrichten, weil dies die heutige Lebenswirklichkeit in allen gesellschaftlichen Bereichen widerspiegelt», sagt sie. In einzelnen Fällen könne es aber sinnvoll sein, in MINT-Fächern für kurze Phasen getrennt zu unterrichten. «Es ist also nicht entscheidend, ob es reine Jungen- oder Mädchenschulen gibt», sagte Hubig. Die wichtigste Frage sei, was für die Schülerinnen und Schüler in der jeweiligen Situation das Beste sei.

Mädchenschulen betonen das binäre Geschlechtersystem: Mädchen oder Junge, Aufnahme oder Ablehnung. Doch was, wenn sich Kinder und Jugendliche nicht in dieses binäre System einordnen lassen? «Es ist die Problematik daran, wenn es im binären System am Geschlecht festgemacht wird, ob jemand auf die Schule darf, und dann gibt es eine Person, die nicht reinpasst», sagt Waburg. Forschung gebe es dazu bisher nicht. «Wahrscheinlich müssen sich die Schulen dann jeweils selbst damit beschäftigen.»

Schulleiterin Ute Plötz kennt das aus ihrem Alltag. «Auch wir haben eine kleine Gruppe von queeren und trans Schüler*innen, oder auch junge Menschen, die sich in ihrer Orientierung nicht sicher sind», sagt sie. Die Grundvoraussetzung aber bleibe: «Wir nehmen ausschließlich Mädchen auf.» Im Zuge der Pubertät gebe es aber eine kleine Gruppe an jungen Menschen, die queer oder trans seien. Diese Menschen fühlen sich etwa nicht den Geschlechtern männlich und weiblich zugehörig oder identifizieren sich mit einem anderen Geschlecht, als ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. «Die versuchen wir, in ihren Bedürfnissen zu berücksichtigen, zu begleiten und aktiv einzubinden.»

Joachim Schulte von QueerNet Rheinland-Pfalz, einem Netzwerk von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transidenten und Intersexuellen, empfiehlt Schulen, offen mit dem Thema umzugehen. «Die Sichtbarkeit von queeren Menschen im Schulraum ist ein entscheidender Gamechanger.» In die Auseinandersetzung zu gehen und das nach außen zu zeigen, könne ein Klima sehr verändern.

«Auch in einem binär gedachten Modell der Trennung erleben Jugendliche Fragen der Homosexualität oder des Transseins genauso wie in gemischtgeschlechtlichen Klassen», sagt Schulte. «Sie durchlaufen dennoch den Prozess, sich selbst zu finden, egal ob sie auf einer Mädchenschule oder einer koedukativen Schule sind.» Die Schule sei ein Ort, an dem junge Menschen Diskriminierungs- und Akzeptanzerfahrungen machen. «Regeln des Zusammenlebens müssen aktiv geübt werden, egal an welcher Schule.»

Es sei immer gut, unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Kinder zu haben, sagt Waburg. «Solange sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht ändern, können Mädchenschulen für einige wichtig sein.» Angesichts des Fachkräftemangels müssten Mädchenschulen auf Mädchenförderung setzen. Plötz sagt, es gehe nicht darum, jede Schülerin zur Ingenieurin zu machen - sondern darum, Kompetenzen zu erkennen. «Wir sehen unseren gesellschaftlichen Auftrag als Schule darin, Frauen in allen Bereichen zu unterstützen, in denen Frauen gebraucht werden.»

© dpa ⁄ Mona Wenisch, dpa
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