Verlust und Verantwortung: Mainz bekommt neuen Gedenkort

Hunderte von Menschen wurden von 1940 bis 1944 aus Mainz deportiert. Die Züge fuhren am damaligen Güterbahnhof ab. Die geplante Gedenkstätte soll auch den Blick auf die Täter richten.
Auf einem Wiesengrundstück soll ein Gedenkort zur Erinnerung an die Deportationen entstehen. © Peter Zschunke/dpa-Zentralbild/dpa

Bislang findet das Gedenken an die NS-Deportationen in Mainz nur in Gedanken statt - inzwischen aber nehmen die Vorbereitungen für eine Gedenkstätte konkrete Gestalt an. Wenige hundert Meter von der Rampe auf dem damaligen Güterbahnhof entfernt ist der Platz dafür bereits vorbereitet. Dort soll ein Entwurf des Bildhauers Andreas Theurer umgesetzt werden, der im Ideenwettbewerb der Stadt 2017 den ersten Preis gewonnen hat.

Bei einem Gedenkmarsch stellte Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) am 9. November vor Ort die Pläne vor. «Ich bin froh, dass die Idee des Siegerentwurfs eine sehr breite Basis der Zustimmung findet», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Wann die Gedenkstätte eröffnet werde, lasse sich noch nicht sagen. «Wir führen noch Gespräche mit unterschiedlichen Opfergruppen, insbesondere mit der jüdischen Gemeinschaft und den Sinti.» Eingebunden seien auch Historikerinnen und Historiker des Vereins für Sozialgeschichte und des Hauses des Erinnerns.

Auf dem Güterbahnhof wurden die Züge für die Massendeportationen abgefertigt. Hunderte Frauen, Männer und Kinder aus Mainz wurden hier in Waggons gedrängt: etwa 100 in Mainz lebende Sinti am 16. Mai 1940, dann 468 jüdische Mainzer und Mainzerinnen am 26. März 1942, 453 weitere am 27. September 1942, 178 weitere drei Tage später sowie kleinere Gruppen bis Anfang 1944. Ziel der Züge waren die Lager Theresienstadt, Belzec, Sobibor und Auschwitz-Birkenau, zum Teil mit Zwischenstationen im Ghetto Piasko oder im Zuchthaus Hohenasperg bei Stuttgart. Nur wenige überlebten den Holocaust.

«Die Deportationen fanden eher unauffällig, aber dennoch für alle wahrnehmbar statt», heißt es in der Broschüre für den Ideenwettbewerb. Die Teilnehmer wurden gebeten, dass sich ihre Entwürfe auch den Fragen von Täterschaft, Schuld und Verantwortung stellen sollten. «Denn Deportationen waren und sind nicht denkbar ohne Menschen, die ihre Mitmenschen ausgrenzen und zum Verlassen des Lebensraumes zwingen.»

Im Zentrum von Theurers Gestaltung steht als «lineares architektonisches Band» eine Wand mit den Namen der Deportierten. Seitlich ist ein «Tor der Reflexion» geplant, «das Anfang und Ende zugleich ist». Der Boden bildet einen Platz, «dessen menschliche Schatten an den Verlust erinnern». Auch Reste der historischen Rampe und Gleise sollen in den Gedenkort integriert werden.

Der dafür vorgesehene Platz liegt zwischen einer Hauptstraße und einem Parkplatz auf dem Betriebsgelände des Eisenbahnunternehmens Vlexx. Bäume und Sträucher wurden bereits entfernt.

«Die Finanzierung steht», sagte Grosse. Weil die Einrichtung von Gedenkstätten als «freiwillige Leistung» gilt, konnte die Kommunalaufsicht in den vergangenen Jahren der damals verschuldeten Stadt keine Zustimmung dafür geben. Mit den Steuereinnahmen von Biontech hat sich vieles geändert in Mainz.

© dpa
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