Feuerwehr-Verbandschef: Lewentz hätte nicht mehr tun können

CDU und AfD fordern die Entlassung des Innenministers: Er habe bei der Ahr-Flut versagt. Doch der Feuerwehr-Verbandschef fragt: Was hätte er mehr tun können? Und was wäre bei einer Massenevakuierung passiert? Andere Experten relativieren diese Aussagen.
Roger Lewentz (SPD), rheinland-pfälzischer Innenminister, spricht bei einem Termin. © Thomas Frey/dpa/Archiv

Angesichts der überraschend aufgetauchten Polizeivideos aus der Ahr-Flutnacht will der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes nach eigenen Worten «Feuer aus der Debatte um die Rolle von Innenminister Roger Lewentz» (SPD) nehmen. Zugleich betont Frank Hachemer auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, eine Evakuierung des gesamten Ahrtals hätte damals wegen überlasteter Straßen und möglicher Massenpanik noch zu viel mehr Toten führen können. Es gibt aber auch Experten, die diese Aussagen relativieren.

Bei der Sturzflut im Juli 2021 sind mindestens 134 Menschen ums Leben gekommen. Lewentz ist noch stärker unter Druck geraten, weil die laut Polizei versehentlich vergessenen Hubschrauber-Flutvideos erst jetzt bekannt geworden sind und auch er sie vorher nach eigenen Angaben nicht gekannt hatte. Sie zeigen bis zum Dachgeschoß vom Wasser umspülte Häuser und Menschen, die mit Lichtsignalen um Hilfe flehen.

«Wir setzen uns als Interessenvertreter der Feuerwehr dafür ein, dass Folgerungen und Lehren aus der Flut vom Ministerium jetzt gezogen und umgesetzt werden. Als Feuerwehrverband betrachten wir das Handeln der Politik dabei kritisch», sagte Hachemer der dpa. «Aber die einseitige Beschäftigung mit den Hubschrauber-Videoaufnahmen verschleiert die komplexe Lage in der Flutnacht. Da werbe ich für Differenziertheit.» Lewentz habe sich ja offensichtlich durchaus um Informationen bemüht und auch die Einsatzleitung des Kreises Ahrweiler am frühen Abend der Flutnacht aufgesucht. «Er hat also durchaus gehandelt», ergänzte der Verbandschef, der nach eigenen Worten kein Parteibuch hat.

Im Raum steht der Vorwurf, dass Politik und Behörden bei der Rettung von Opfern teils zu spät und zu wenig abgestimmt gehandelt haben könnten. Damit beschäftigen sich auch ein Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags und die Staatsanwaltschaft Koblenz. Lewentz hat einst in dem Ausschuss gesagt, seinerzeit kein vollständiges Lagebild gehabt zu haben. Inzwischen fordern CDU und AfD seine Entlassung.

Der Krisenexperte Ralph Thiele aus dem Raum Andernach, auf den die CDU-Opposition im Landtag verwies, sagte der dpa, der Behauptung unklarer Informationen stünden die damaligen zahlreichen Warnungen gegenüber, «die von den Landesdienststellen nicht zu einem ganzheitlichen Lagebild verdichtet wurden». Damit hätten auch die kommunale Verantwortlichen sie nicht für eine rasche Hilfe erhalten. «Die Hubschrauber-Videoaufnahmen belegen das erschreckende Ausmaß der Katastrophe zu einem Zeitpunkt, der noch eine Warnung und auch eine Evakuierung der späteren Opfer zuließ», ergänzte Oberst a.D. Thiele. Mehr als die Hälfte der Flutopfer waren am Unterlauf der Ahr erst nach der Entstehung der ersten Polizei-Videos gestorben.

Der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes, Hachemer, erinnerte an die vielen unterbrochenen Kommunikationswege in der Flutnacht inklusive weggeschwemmter Pegel. In der Einsatzzentrale des Kreises Ahrweiler habe sich der damalige Landrat Jürgen Pföhler (CDU) beim Besuch von Lewentz offensichtlich als souveräner Krisenmanager darstellen und beim Minister womöglich gezielt den Eindruck erwecken wollen, alles im Griff zu haben. Erst am 17. Juli 2021 übernahm das Land die Einsatzleitung von Pföhler - zwei Tage nach der Sturzflut.

Hachemer betonte: «In der Flutnacht wurden nach meinen Informationen über die Landesgrenzen hinaus Helikopter angefragt. Aber viele waren nicht startbereit oder hatten keine Seilwinde zur Rettung von Menschen.» Viel mehr habe Lewentz nicht mehr machen können. «Es gibt aktuell auch keine Warnungen, die die ganze Bevölkerung in einer Region erreichen», erklärte der Verbandspräsident. Nicht alle Bürger hätten Handy-Warnapps. «Lautsprecherwagen hören nicht alle, zum Beispiel bei dreifach verglasten Schlafzimmerfenstern. Sirenentöne können nicht alle richtig interpretieren. Und Senioren gehen bei Sirenengeheul vielleicht wie im Weltkrieg in den Keller, was bei einer Flut ganz falsch ist.»

Wäre wirklich am Flutabend das gesamte Ahrtal evakuiert worden, hätte es nach Hachemers Einschätzung mehr als 1000 Tote geben können: «Das Tal ist an vielen Stellen eng. Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Zufahrtswegen, auf denen auch schon Helfer entgegenkamen. Wenn da Zehntausende auf einmal fliehen wollen, kommt es zwangsläufig zu Staus. Da wäre die Flut einfach darüber gerauscht, wie wir an den Straßenzerstörungen gesehen haben – mit tödlichen Folgen.»

Der Hamburger Krisen- und Katastrophenschutzexperte Andreas Hermann Karsten, auf den auch die CDU im Mainzer Landtag verwies, widersprach: «Folgende Faktoren begünstigen die Entstehung einer Panik: räumliche Enge, Aussichtslosigkeit, extremer Zeitdruck. Keines dieser Kriterien lag im unteren Teil des Ahrtals zum Zeitpunkt der Videoaufnahmen vor.» Weiter flussaufwärts etwa im Dorf Schuld sei es schon anders gewesen: «Hier ist fraglich, ob eine Evakuierung, als die Ahr anschwoll, noch sinnvoll gewesen wäre.»

© dpa
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