Zeuge: Dramatischer Anruf in Flutnacht bei Lagezentrum

Selbst ein erfahrener Hubschrauberpilot kann sich nicht an Bilder erinnern, wie er sie am Abend der Sturzflut im Ahrtal gesehen hat. Ein Mitglied seiner Besatzung schilderte dem Lagezentrum des Innenministeriums mit deutlichen Worten die Situation.
Ein Polizeihubschrauber in der Luft. © Robert Michael/dpa-Zentralbild/ZB/Symbolbild

Die bei der Flutkatastrophe im Ahrtal eingesetzte Besatzung eines Polizeihubschraubers hat im Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags von schwierigen und belastenden Flügen berichtet. Ein Flugtechniker, der an Bord war, telefonierte nach eigener Aussage nach dem ersten Flug am Abend des 14. Juli 2021 mit dem Lagezentrum des rheinland-pfälzischen Innenministeriums und teilte seine Einschätzung mit, dass alles, was an Polizei verfügbar sei, ins Ahrtal geschickt werden müsse. Es sei die «wahrscheinlich schlimmste Lage», die Rheinland-Pfalz und die Polizei je zu bewältigen gehabt hätten, sagte er am Freitag in einer Sitzung des Gremiums in Mainz aus.

Bei einem späteren Flug in der Nacht beobachteten Pilot und Flugtechniker nach eigenen Aussagen, wie auf der Autobahn 61 in Richtung Norden zahlreiche Fahrzeuge mit Blaulicht unterwegs gewesen seien. Der Pilot berichtete, so eine Situation wie im Ahrtal habe er zuvor in seinen 35 Dienstjahren bei der Polizei noch nicht erlebt. Er sei am Abend des 14. Juli und in der darauffolgenden Nacht insgesamt dreimal mit dem Hubschrauber unterwegs gewesen.

Die Sichtverhältnisse seien schwierig gewesen, berichtete er weiter. Zu erkennen gewesen sei beim ersten Flug unter anderem die sehr stark vom Hochwasser betroffene Ortslage Altenahr. Ein Kollege an Bord des Hubschraubers habe Bilder mit seinem Handy gemacht, da die eigentlich dafür vorgesehene Kamera wohl wegen der einbrechenden Dunkelheit nicht richtig fotografieren konnte.

In den überflogenen Gebieten sei offensichtlich der Strom ausgefallen gewesen. «Es war völlig dunkel im Ahrtal», sagte der Pilot. Menschen hätten sich mit Taschenlampen bemerkbar gemacht. Eine Rettung mit dem Hubschrauber sei aber nicht möglich gewesen, da es keine entsprechende Ausrüstung dafür gegeben habe. Später sei die Hubschrauberbesatzung zum Abdrehen aufgefordert worden, um den Menschen in Not keine falschen Hoffnungen zu machen.

Ein weiteres Besatzungsmitglied berichtete, er habe nach dem Einsatz alle Filmaufnahmen, die er gemacht habe, gespeichert und dann «irgendwo in der Dienststelle hinterlegt». Er fügte hinzu, normalerweise würden die Daten nicht gesichert, sondern an die Dienststelle weitergegeben. «In diesem Fall haben wir uns gesagt, wir sichern erst einmal alles», sagte er. Nach dem Einsatz sei keine Rede davon gewesen, die Aufnahmen irgendwo hinzuschicken. Dazu gebe es auch gar keine Möglichkeiten, da die Datenmengen zu groß seien. Derartige Daten würden in der Regel auf USB-Sticks gespeichert und dann mit der Post verschickt.

Der Untersuchungsausschuss soll möglichen Behördenfehlern in der Reaktion auf die Flutkatastrophe nachgehen. Bei der Sturzflut im Ahrtal waren mindestens 134 Menschen ums Leben gekommen. Die Polizei hat eingeräumt, die Filme vom 14. Juli 2021 zu spät an die Staatsanwaltschaft und den Untersuchungsausschuss übermittelt zu haben.

Die Präsidenten der Polizeipräsidien Einsatz, Logistik und Technik (PPELT), Christoph Semmelrogge, und Koblenz, Karlheinz Maron, räumten vor dem Untersuchungsausschuss ein, dass die Polizei im Umgang mit den Aufnahmen Fehler gemacht habe. «Für diese Fehler möchte ich mich entschuldigen», sagte Semmelrogge. Die Größe der Datenbestände zur Ahrtal-Flut habe zu diesem Fehler beigetragen - und möglicherweise auch die Belastungen der Hubschrauberpolizisten in der Nacht, die unter extremer Belastung gestanden hätten. Die Hubschrauberbesatzung habe zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt, ihre Filmaufnahmen oder ihren schriftlichen Lagebericht zu verheimlichen.

Die Hubschrauberstaffel untersteht der Bereitschaftspolizei und damit seinem Präsidium. In der Flutnacht hatten die drei Videos von der Ahr aufgrund der Wetterlage und technischer Probleme laut Semmelrogge nicht wie geplant live ins Lagezentrum der Polizei Koblenz gesendet werden können.

Maron sprach ebenfalls von einem Fehler im Umgang mit den Filmaufnahmen - «unabhängig davon, wo der Fehler passiert ist», sagte er. Das Polizeipräsidium Koblenz habe die Videoaufnahmen vom 14. Juli 2021 erst in diesem Jahr am 5. September bekommen. Die Filme seien katalogisiert und am 9. September per USB-Stick an das Lagezentrum des Innenministeriums weitergegeben worden. Angesichts der katastrophalen Lage am Morgen des 15. Juli 2021 seien an diesem Tag die Videoaufnahmen vom Vorabend nicht mehr wichtig gewesen, sagte er. Da sei es vor allem um die Gefahrenabwehr gegangen. An Strafverfolgung habe in dieser Situation keiner gedacht.

© dpa
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