Verband sieht Wärmestuben als Herumdoktern an Symptomen

Kommunen wollen nicht unvorbereitet in einen kalten Winter rutschen. Angesichts dramatisch gestiegner Energiekosten wollen sie wenigstens für die Ärmsten Vorsorge treffen, zum Beispiel mit Wärmestuben.
Eine Frau dreht am Thermostat einer Heizung. © Hauke-Christian Dittrich/dpa/Symbolbild

Zunehmend beschäftigen sich Gemeinden in Rheinland-Pfalz mit dem drohenden Gasmangel in Herbst und Winter und den Folgen für Menschen mit geringem Einkommen. In Ludwigshafen wird über die Einrichtung von Wärmestuben nachgedacht, Landau plant ein ähnliches Angebot und in Neustadt an der Weinstraße diskutiert man über diese Maßnahme für soziale Härtefälle.

Doch die Überlegungen stoßen auch auf Kritik, etwa von der Liga der freien Wohlfahrtspflege, einem Zusammenschluss von fünf freigemeinnützigen Verbänden, darunter Diakonie und Arbeiterwohlfahrt. Zwar seien solche Wärmestuben gut gemeint, aber keine ernstzunehmende Antwort auf die Energiekrise, sondern ein Herumdoktern an Symptomen, heißt es. Der Gemeinde- und Städtebund hingegen begrüßt die Initiativen. «Man muss sich gedanklich mit solchen Szenarien auseinandersetzen», sagte Verbandssprecherin Agneta Psczolla.

Albrecht Bähr vom Vorstand der Liga blickt skeptisch auf die nächsten Monate: «Wir gehen einem schwierigen Herbst und einem bitteren Winter für Menschen in prekären Verhältnissen entgegen.» Anstatt sie in Wärmestuben zu schicken, müssten sie in die Lage versetzt werden, ihre eigenen vier Wände zu heizen. «Zuschüsse und Preisdeckelungen darf es aber nicht für alle geben wie den Tankrabatt, das können wir uns nicht leisten.» Hilfen müssten sich an der Grundsicherung orientieren.

Bähr, zugleich Sprecher der Landesarmutskonferenz, warnte auch vor etwaigen coronabedingten erneuten Schulschließungen. Dort seien die Kinder im Warmen und bekämen zum Teil auch ein warmes Mittagessen.

Kommunalvertreterin Psczolla hält dem Kritiker von der Liga entgegen: Die geforderten Zuschüsse seien zwar eine hehre Idee. «Doch was, wenn gar kein Gas mehr geliefert wird, wenn keine Heizoption besteht?» Wärmestuben seien eine Option, bräuchten aber geeignete Immobilien: Auf dem Lande etwa könnten die Gemeindehäuser dazu genutzt werden.

In Ludwigshafen hat der dortige Krisenstab zum Umgang mit der Gasverknappung bereits einen potenziellen Standort für eine Wärmehalle in den Blick genommen: die Friedrich-Ebert-Halle. «Mit diesem möglichen Angebot sollten besonders Betroffene profitieren», erläutert Stadtsprecher Florian Bittler. Die mehrere Tausend Plätze umfassende Veranstaltungshalle im städtischen Eigenbetrieb diente schon als Corona-Testzentrum. In Landau ist Ähnliches als Teil eines Maßnahmenkatalogs zum Umgang mit der Energiekrise geplant. Details stehen dort aber noch nicht fest.

Auch in Neustadt an der Weinstraße beschäftigt sich der angesichts des Ukraine-Kriegs aufgestellte Verwaltungsstab zunehmend mit dem Gasmangel. Das Gremium diskutiert Fragen wie: Sind geheizte öffentliche Aufenthaltsräume möglich? Was brauchen beispielsweise Seniorenheime, wie werden diese beheizt? Wie geht man mit der Energie in öffentlichen Einrichtungen der Stadt von Kitas über Schulen bis zum Rathaus um?

Die Stadt fühlt sich nach den Worten von Sprecher Tobias Grauheding auch verantwortlich für die Mieter ihrer Wohnungsbaugesellschaft und für Bezieher von Transferleistungen. Wenn die Energiekosten dort explodierten, sehe sich die Kommune in der Pflicht. «Nicht zuletzt diese sozialen Aspekte könnten massive Auswirkungen auf den städtischen Haushalt nach sich ziehen», erläuterte Grauheding.

Liga-Geschäftsführerin Sylvia Fink sieht bei aller Kritik auch etwas Gutes an der Diskussion. Endlich weite sich in den Kommunen der Blick auf den Bedarf in der gesamten Gesellschaft. «Das Thema betrifft jetzt nicht mehr nur Obdachlose, sondern auch alte Menschen und Familien mit geringem Einkommen, die gerade noch unter den Nachzahlungen wegen des erhöhten Strom- und Gasverbrauchs während der Corona-Lockdowns leiden.» Ganz wichtig sei, dass Energieversorger auf Gas- und Stromsperren verzichteten, wenn Verbraucher in Rückstand geraten.

© dpa
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