Mainz wirft sich in Regenbogenfarben

Die queere Szene in Mainz feiert mit Drag Queens wie Igitte von Bingen und streitet für Selbstbestimmung und Akzeptanz. Die Veranstalter des Christopher Street Day in Mainz sehen Anzeichen für einen «Rollback» der jüngsten Entwicklung.
Eine Regenbogenfahne weht im Wind. © Peter Zschunke/dpa/Symbolbild

Die Mainzer Fastnacht hat vier Farben, die Regenbogenfahne hat sechs. «Jetzt Farbe bekennen» lautet das diesjährige Motto zum Christopher Street Day (CSD) in Mainz. Dazu gehören auch fünf weitere Farben der Regenbogenfahne in ihrer «progressiven» Variante - diese beziehen Trans-Menschen, «People of Color» (PoC) und Betroffene der Immunschwächekrankheit Aids mit ein.

Die Aktionswoche in Mainz erlebt an diesem Samstag mit einer Demonstration durch die Stadt ihren Höhepunkt. Trier hat seinen CSD schon am 16. Juli erlebt. In Koblenz ist es am 20. August soweit, in Bad Kreuznach wird ein kleinerer CSD für den 17. September geplant.

Mit den Kundgebungen zum Christopher Street Day in Rheinland-Pfalz werde seit Jahren «der Abbau der letzten Diskriminierungen im Bundesrecht und die volle gesellschaftliche Akzeptanz für LGBTIQ*» gefordert, sagt der Landesbeauftragte für gleichgeschlechtliche Lebensweisen und Geschlechtsidentität, David Profit (Grüne). Die Abkürzung steht für die englischen Begriffe Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Intersex und Queer (lesbisch, schwul, bisexuell, transgeschlechtlich, intersexuell und queer), das Sternchen für weitere Geschlechtsidentitäten.

Profit, der auch Staatssekretär im Familienministerium ist, zeigt sich zuversichtlich: «Da geht es voran». Die Bundesregierung werde mit dem Selbstbestimmungsgesetz und dem Abstammungsrecht gesetzliche Diskriminierungen beenden.

«Wir dürfen nicht nachlassen, für unsere Anliegen einzustehen», mahnt allerdings Philipp Gresch vom Verein Schwuguntia, der den CSD veranstaltet. «Der Rollback ist da - sehr viele Menschen in der Community sagen, dass Alltagsdiskriminierung und Gewalt wieder zunehmen.» In Mainz habe es Pöbeleien in einem Nachtbus gegeben, in Frankfurt körperliche Angriffe auf homosexuelle und queere Menschen.

Joachim Schulte vom Netzwerk QueerNet Rheinland-Pfalz sieht in der öffentlichen Meinung zurzeit zwei unterschiedliche Tendenzen. Auf der einen Seite «erhebt die Emanzipationsbewegung klarer ihr Wort und geht aus der Bittstellerrolle heraus - da erleben wir wie in Trier einen Zuwachs». Auf der anderen Seite gebe es immer noch viele, die sagten: «Ich habe ja nichts gegen Schwule, aber ...»

Dem Mainzer CDU-Vorsitzenden Thomas Gerster wirft Schulte vor, mit seiner kürzlich auf Twitter verbreiteten Aussage zur Regenbogenfahne diese ausgrenzende Stimmung zu bedienen. «Diese Haltung darf sich nicht noch weiter in die sogenannte Mitte der Gesellschaft fressen», sagt Schulte. Nach dem CSD in Berlin hatte Gerster das Hissen der Regenbogenfahne am Bundestag kritisiert und in Anspielung auf die NS-Zeit auf Twitter geschrieben: «Man hat schon einmal schwarz-rot-gold durch andere Farben ersetzt.» Später entschuldigte er sich und löschte den Tweet.

Der CSD in Mainz verbindet den politischen Aktionstag mit dem Sommerfest der «Sommerschwüle». Am Vorabend der Demonstration moderiert Gresch eine Bühnenshow mit elf Drag Queens aus Mainz und Umgebung. Gracia Gracioso, Igitte von Bingen und andere wollen nach den Worten Greschs «mit dem Überzeichnen von Geschlechterstereotypen deutlich machen, das es letztlich ein gesellschaftliches Konstrukt ist, was als männlich und was als weiblich betrachtet wird». Damit sei die Drag-Kultur auch politisch.

Die Demonstration am Samstag wird nicht als Show mit bunten Wagen, sondern als politische Willensbekundung organisiert. Im Mittelpunkt soll die Forderung nach gleichen Rechten, Akzeptanz und Selbstbestimmung stehen, ehe die Aktionswoche mit einer bunten Party ausklingt.

© dpa
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