Fachmann sieht hohe Fließgeschwindigkeit auf Flutnacht-Foto

Ein Fachmann für Wasser beschreibt im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe Mängel der Hochwasser-Warnungen. Auf einem Foto aus der Flutnacht sowie auf den kürzlich aufgetauchten Videos sieht der Experte eine hohe Fließgeschwindigkeit der Ahr.
Eine Luftaufnahme des Dorfes Insul zeigt das Ausmaß der Flutzerstörungen vom 14. und 15. Juli 2021 an der Ahr. © Boris Roessler/dpa/Archivbild

Für Hochwasser gibt es in Deutschland nach Einschätzung eines Hydrologen keine Katastrophen-Warnungen. «Für solche Ereignisse wie das 2021-Ereignis fehlen uns in Deutschland eigentlich entsprechende Warn-Kategorien», sagte der Direktor des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der Rheinisch-Westfälische Technischen Hochschule Aachen, Holger Schüttrumpf, am Freitag im Untersuchungsausschuss Flutkatastrophe in Mainz. Nachholbedarf sieht der Fachmann auch bei der Erstellung der Hochwasser-Gefahrenkarten.

Auf einem der Handyfotos aus der Flutnacht, die Innenminister Roger Lewentz (SPD) nach eigenen Worten anderes als die Videos vorlagen, sieht der Hydrologie-Professor anhand von Farben und Schlieren eine hohe Fließgeschwindigkeit der Ahr. Die Fotos zeigten ein Überschwemmungsgebiet, das sich mit den Hochwasser-Karten hätte vergleichen lassen. Allerdings sei es in engen Gebieten schwerer eine Aussage zu treffen als in breiten Flussgebieten.

Zu den erst kürzlich bekannt gewordenen Videos eines Polizeihubschraubers sagte der Sachverständige: Die extrem hohe Strömungsgeschwindigkeit, extrem hohe Wasserstände und überströmte Brücken seien drauf zu erkennen. Lewentz hatte diese Aufnahmen nach eigener Aussage erst im Untersuchungsausschuss Ende September gesehen.

Genaue Messungen der Fließgeschwindigkeit der Ahr in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli gebe es zwar nicht, aber vor Ort viele Hinweise auf eine «extreme Geschwindigkeit» von «mehreren Metern pro Sekunde», sagte Schüttrumpf.

«Wir brauchen irgendwann auch eine Warnung im Sinne von "Rette sich, wer kann!"», sagte der Hydrologie-Professor. So etwas sei in Deutschland - anders als in anderen Ländern - aber nicht bekannt. Extremereignisse wie Hochwasser aber auch Trockenheit träten in den vergangenen Jahren wegen des Klimawandels immer häufiger auf. «Wir müssen uns in Zukunft für solche Ereignisse wappnen.»

Nachholbedarf sieht der 54 Jahre alte Fachmann auch bei Hochwasser-Gefahrenkarten: Faktoren wie versagende Brücken oder Verklausungen (Verstopfungen) von Brücken oder an Häusern und Engstellen würden darin nicht berücksichtigt. «Die Berechnungen, die der Hochwasser-Katastrophe (von 2021) zugrunde liegen, arbeiten mit Wasser. Was wir gesehen haben, ist aber mehr Wasser», sagte Schüttrumpf zur Ahr-Katastrophe im Juli 2021.

Rund 80 Prozent der 114 Brücken seien zerstört worden und einige komplett eingestürzt. Dazu kämen die Verklausungen der Brücken durch Baumstämme, Campingwagen, Gartenhäuser, Autos, Möbel, Öltanks und auch Brücken. Allgemein lasse sich dazu sagen: «Bäume sind die Nummer eins.» Denn: Je länger die Baumstämme, desto größer die Verklausung. Zudem hätten die gesättigten Böden zu der Flutwelle geführt.

«Es war klar, dass ein Hochwasser kommt», sagte Schüttrumpf mit Blick auf die vom Deutschen Wetterdienst (DWD) vorhergesagten 200 Milliliter Niederschlag pro Quadratmeter. Der DWD warne aber vor Niederschlag und nicht vor Hochwasser-Ereignissen. Dazu kämen die Pegel-Messungen und -Warnungen. Allerdings gebe es in Deutschland «ein großes Defizit bei kleinen und kleinsten Einzugsgebieten», weil Methoden und Verfahren dafür fehlten. «Für diese Gewässer fehlt uns das entsprechende Frühwarn-System.»

Anders als beim sogenannten Jahrhunderthochwasser 2016 an der Ahr, hätten sich die Ereignisse im Sommer 2021 «außerhalb des planbaren Hochwasser-Schutzes bewegt». 2016 und 2021 seien völlig unterschiedliche Hochwasser gewesen, sagte Schüttrumpf.

© dpa
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