Bürgermeister sahen sich nach Flut auf sich gestellt

Die Gemeinden an der Ahr mussten die Situation nach der Flutkatastrophe zunächst aus eigener Kraft bewältigen - wie mehrere Bürgermeister im Untersuchungsausschuss berichten. Dabei hagelt es Kritik an der Landesbehörde ADD. Aber nicht nur an ihr.
Das Standbild aus einem Video zeigt Häuser, das von Wasser eingeschlossen sind. © ---/Polizei Rheinland-Pfalz/dpa/Archivbild

Bei der Bewältigung der tödlichen Flutkatastrophe an der Ahr waren die Gemeinden nach Aussage ihrer Bürgermeister zunächst auf sich allein gestellt. Gut ein Dutzend Verwaltungschefs berichteten am Freitag im Landtags-Untersuchungsausschuss, wie sie in Eigenregie versuchten, mit Hilfsangeboten von Feuerwehr, Bundeswehr, Freiwilligen und Technischem Hilfswerk, die verheerende Lage zu bewältigen. Unterstützung der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) habe auf sich warten lassen, so die mehrfach geäußerte Kritik.

Kein Strom, kein Wasser, kein Handynetz: «Wir sind in einer Nacht ins komplette Mittelalter zurückversetzt worden», sagte der ehemalige Bürgermeister des Weinorts Mayschoß, Hubertus Kunz, in Mainz. «Wir mussten uns selbst helfen.» Der Ortsbürgermeister von Dümpelfeld, Robert Reuter, sagte: «Wir waren am Anfang auf uns selbst gestellt.» Udo Adriany, Ortsbürgermeister von Müsch, formulierte es so: «Dass man irgendwo anrief, ging nicht. Da haben wir uns halt selber geholfen.»

Er habe sich anfangs «allein gelassen gefühlt», sagte der parteilose Bürgermeister von Sinzig, Andreas Geron. Neben der Gefahrenabwehr habe er abends «völlig erschöpft» noch im Internet gegen Fake-News kämpfen müssen. Er hätte sich eine «zentrale Öffentlichkeitsarbeit» und schnelle Unterstützung gewünscht - etwa Mitarbeiter der ADD.

Den ersten Kontakt mit dem Kreis Ahrweiler habe er am Freitag oder Samstag nach der Katastrophe mit mindestens 134 Toten gehabt, berichtete Geron. Bei dem Besuch habe er auch erstmals erfahren, was in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag (14./15. Juli 2021) über die Stadt Sinzig hinaus geschehen war.

In den ersten Tagen nach der Katastrophe habe «einfach gehandelt werden müssen», sagte der Jurist. «Paragrafen waren da ohne Bedeutung.» Er kritisierte, dass die Einsatzkräfte aus der Blaulichtfamilie alle zwei bis drei Tage komplett ausgewechselt worden seien. Dies habe «einen halben Tag Einarbeitung, einen halben Tag Übergabe und nur einen Tag richtig Arbeiten» bedeutet.

«Eine Aufsichtsbehörde kann keine Krise bewältigen», sagte Kunz aus Mayschoß über die ADD. Diese Landesbehörde habe mit Bürokratie «alles verkompliziert» und nicht einmal jemanden in jeden Ort geschickt, um mit den örtlichen Krisenstäben Kontakt aufzunehmen. «Die Krise muss von unten bewältigt werden. Da macht jeder, was er kann.» Er habe zunächst auch Unterstützung der Verbandsgemeinde Altenahr und der Kreisverwaltung Altenahr vermisst, mache ihnen aber keinen Vorwurf. «Die waren selbst total überfordert, traumatisiert und geschädigt.»

Ortsbürgermeister Alfred Sebastian aus Dernau sagte, er habe in den ersten drei Wochen keinen Kontakt zur ADD gehabt, zum ersten Mal in seinem Leben über Rücktritt nachgedacht und mit anderen einen Brandbrief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) geschickt. Die Lage habe sich in der 2. Augustwoche mit der Einsetzung des Vor-Ort-Beauftragten der Landesregierung, Günter Kern, verbessert.

Scharfe Kritik an der ADD kam aus der größten Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler: «Wir haben selber organisiert», sagte Bürgermeister Guido Orthen (CDU) und nannte Wasser, Strom und Abwasser als Beispiele. Nach der Übernahme der Einsatzleitung durch das Land (ADD) sei seine Verwaltung völlig ignoriert worden. Seine Stadt sei «übernommen worden», habe man ihm bei der ADD gesagt, dann aber bei der Bewältigung der Probleme vieles völlig übersehen. Seinem mehrfach geäußerten Wunsch nach einem Verbindungsmann zur Technischen Einsatzleitung sei auch nicht erfüllt worden.

Der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius, berichtete von zunächst teils unkoordinierter Hilfe am tatsächlichen Bedarf vorbei. Es seien auch immer wieder neue hochrangige Feuerwehr-Leute gekommen, denen seine Wehrleitung die Lage von vorne erklären musste. «Je mehr Zeit verging, desto besser spielte sich das ein», sagte der CDU-Politiker.

Ein «großes Lob an die Bevölkerung» sprach Peter Richrath aus. Der Ortsbürgermeister von Antweiler sagte: «Wir haben uns in der ersten Zeit mehr oder weniger selbst geholfen.» Allerdings habe der enorme Einsatz vielen seiner Kollegen gesundheitlich sehr zu schaffen gemacht. «Sie werden den Job nicht weiter machen», sagte der 65-Jährige.

Der Ortsbürgermeister von Schuld, Helmut Lussi, sagte: «Du hast von Anfang an keinen beim Kreis erreicht.» Viele aus der Kreisverwaltung seien ja selbst von der Katastrophe betroffen gewesen. «Diese Katastrophe konnte keiner vorausahnen», betonte Lussi und kritisierte seine eigene Partei. «Wo ist die Opposition in der Katastrophe gewesen?», fragte der CDU-Politiker. «Für mich hat der Hauptschuldige in der Kreisverwaltung Ahrweiler gesessen», sagte er mit Blick auf den ehemaligen Landrat Jürgen Pföhler (CDU). Gegen ihn und einen Mitarbeiter ermittelt die Staatsanwaltschaft. Zum Stand der Beweisaufnahme werden die Koblenzer Ermittler am kommenden Freitag (16. Dezemer) befragt.

© dpa
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