Feuerwehr-Verbandschef: Lewentz hätte nicht mehr tun können

CDU und AfD fordern den Rücktritt des Innenministers: Er habe bei der Ahr-Flut versagt. Doch der Feuerwehr-Verbandschef fragt: Was hätte er mehr tun können? Und was wäre bei einer Massenevakuierung passiert?
Das Standbild aus einem Video zeigt Häuser, das von Wasser eingeschlossen sind. © ---/Polizei Rheinland-Pfalz/dpa/Archivbild

Angesichts der überraschend aufgetauchten Polizeivideos aus der Ahr-Flutnacht will der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes nach eigenen Worten «Feuer aus der Debatte um die Rolle von Innenminister Roger Lewentz» nehmen. Zugleich betont Frank Hachemer, eine damalige Evakuierung des gesamten Ahrtals hätte wegen überlasteter Straßen und einer möglichen Massenpanik noch zu weitaus mehr Todesfällen führen können. Bei der Sturzflut im Juli 2021 kamen mindestens 134 Menschen ums Leben. SPD-Innenminister Lewentz ist noch stärker unter Druck geraten, weil die laut Polizei versehentlich vergessenen Hubschrauber-Flutvideos erst jetzt bekannt geworden sind und auch er sie vorher nach eigenen Angaben nicht gekannt hatte. Sie zeigen bis zum Dachgeschoß vom Wasser umspülte Häuser und Menschen, die mit Händen und Lichtsignalen um Hilfe flehen. «Wir setzen uns als Interessenvertreter der Feuerwehr dafür ein, dass Folgerungen und Lehren aus der Flut vom Ministerium jetzt gezogen und umgesetzt werden. Als Feuerwehrverband betrachten wir das Handeln der Politik dabei kritisch», sagte Hachemer der Deutschen Presse-Agentur. «Aber die einseitige Beschäftigung mit den Hubschrauber-Videoaufnahmen verschleiert die komplexe Lage in der Flutnacht. Da werbe ich für Differenziertheit.» Lewentz habe sich ja offensichtlich durchaus um Informationen bemüht und auch die Technische Einsatzleitung des Kreises Ahrweiler am frühen Abend der Flutnacht aufgesucht. «Er hat also durchaus gehandelt.» Im Raum steht der Vorwurf, dass Politik und Behörden bei der Rettung von Opfern teils zu spät und zu wenig abgestimmt gehandelt haben könnten. Damit beschäftigen sich auch ein Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags und die Staatsanwaltschaft Koblenz. Lewentz hat einst in dem Ausschuss gesagt, seinerzeit kein vollständiges Lagebild gehabt zu haben. Inzwischen fordern CDU und AfD seinen Rücktritt. Der Präsident des Landesfeuerwehrverbandes, Hachemer, erinnerte an die vielen unterbrochenen Kommunikationswege in der Flutnacht inklusive weggeschwemmter Pegel. In der Einsatzzentrale des Kreises Ahrweiler habe sich der damalige Landrat Jürgen Pföhler (CDU) beim Besuch von Lewentz offensichtlich als souveräner Krisenmanager darstellen und beim Minister womöglich gezielt den Eindruck erwecken wollen, alles im Griff zu haben. Erst am 17. Juli 2021 übernahm das Land die Einsatzleitung von Pföhler - zwei Tage nach der Sturzflut. Hachemer betonte: «In der Flutnacht wurden nach meinen Informationen über die Landesgrenzen hinaus Helikopter angefragt. Aber viele waren nicht startbereit oder hatten keine Seilwinde zur Rettung von Menschen.» Viel mehr habe Lewentz nicht mehr machen können. «Es gibt aktuell auch keine Warnungen, die die ganze Bevölkerung in einer Region erreichen», erklärte der Verbandspräsident. Nicht alle Bürger hätten Handy-Warnapps. «Lautsprecherwagen hören nicht alle, zum Beispiel bei dreifach verglasten Schlafzimmerfenstern. Sirenentöne können nicht alle richtig interpretieren. Und Senioren gehen bei Sirenengeheul vielleicht wie im Weltkrieg in den Keller, was bei einer Flut ganz falsch ist.» Wäre wirklich am Flutabend das gesamte Ahrtal evakuiert worden, hätte es nach Hachemers Einschätzung mehr als 1000 Tote geben können: «Das Tal ist an vielen Stellen eng. Es gibt nur eine begrenzte Zahl von Zufahrtswegen, auf denen auch schon Helfer entgegenkamen. Wenn da Zehntausende auf einmal fliehen wollen, kommt es zwangsläufig zu Staus. Da wäre die Flut einfach darüber gerauscht, wie wir an den Straßenzerstörungen gesehen haben - mit tödlichen Folgen.»

© dpa
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