Wüst und Steinmeier: Flut als Folge menschlichen Handelns

Der erste Jahrestag der großen Flutkatastrophe steht im Zeichen des Gedenkens. Gleichzeitig machen Politiker deutlich: Was da passiert ist, kann sich wiederholen. Und dafür ist der Mensch verantwortlich.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) spricht in der Herz-Jesu-Kirche. © Rolf Vennenbernd/dpa

Am Jahrestag der Jahrhundertflut im Westen Deutschlands haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) Konsequenzen angemahnt. Die Hochwasserkatastrophe sei das Ergebnis des menschengemachten Klimawandels gewesen, sagte Wüst am Donnerstagabend bei einer Gedenkveranstaltung nach einem ökumenischen Gottesdienst in der Kirche Herz Jesu in Euskirchen bei Bonn.

In dem selbst von der Flut betroffenen Gotteshaus betonte er im Beisein von Opfer-Angehörigen, Rettern und zahlreichen politischen Repräsentanten: «Das sind die Folgen unseres Umgangs mit der Erde.» Angesichts steigender Meeresspiegel und trockener Sommer müssten Dämme, Deiche und Reservoirs gebaut werden. Der Schutz des Klimas und die Bewahrung der Schöpfung seien die größten Herausforderungen, mahnte der Chef der neuen schwarz-grünen Landesregierung: «Es liegt an unserer Generation, die richtigen Weichen zu stellen.»

Ähnlich argumentierte der Bundespräsident. «Wir müssen jede, aber auch wirklich jede Anstrengung unternehmen, um die Folgen des Klimawandels zu bekämpfen, und wir müssen viel umfassender Vorsorge treffen, um unseren Kindern und Enkeln einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen», sagte Steinmeier.

Er betonte, nun müsse ein ganzes Land rasch Antworten finden, was zu tun sei. An die Angehörigen von Flutopfern gewandt, sagte er: «Ich kann mir auch vorstellen, dass Sie eine Frage immer noch quält: Wie war das möglich? Wie konnte das passieren? Warum wurde nicht schnell und umfassend genug gewarnt?» Auch diese Frage nach einem besseren Katastrophenschutz müsse gemeinsam beantwortet werden.

In NRW hatten viele Betroffene und Retter berichtet, an einigen Orten seien die Warnungen nicht oder zu spät angekommen, zudem habe es Defizite in den Kommunikationsketten gegeben. Seit dem vergangenen Oktober arbeitet ein Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags Versäumnisse bei Behörden sowie Lücken im Katastrophenschutz auf.

Bei der Hochwasserkatastrophe waren allein in NRW 49 Menschen gestorben. Die Schäden werden auf etwa 13 Milliarden Euro beziffert. In Rheinland-Pfalz kamen bei der Flutkatastrophe in der Nacht auf den 15. Juli 2021 mindestens 135 Menschen ums Leben. Zwei Menschen werden dort noch immer vermisst.

Auch die Innenstadt von Euskirchen war vor einem Jahr überflutet worden. Der Veybach, dem die Stadt einst ihren Aufschwung als Fabrikationsstätte für Tuche zu verdanken hatte, war zu einem reißenden Strom geworden. Die Herz-Jesu-Kirche in der Stadtmitte wurde vom Wasser eingeschlossen, obwohl sie sogar etwas höher liegt. Die Heizungsanlage im Keller wurde zerstört, auch eine alte Kreuzwegstation.

In dem Gottesdienst am Donnerstagabend wurde der Toten mit Glockenschlägen gedacht. Eine Einwohnerin von Bad Münstereifel schilderte, wie sie mit ihrem Mann verzweifelt Barrieren vor ihrem Haus aufwarf, aber feststellen musste, dass das Wasser schneller stieg. «Plötzlich sah ich unsere Autos draußen vorbeischwimmen. Da wusste ich: Wir sind in Lebensgefahr.» Ihr Haus wurde in Sekundenschnelle geflutet. «Die berstenden Geräusche, wie das Wasser alles zerstörte, werde ich nie vergessen.»

Der evangelische Präses Thorsten Latzel wandte sich in seiner Predigt ausdrücklich gegen religiös motivierte Interpretationen der Flut. «Die Flut vor einem Jahr hatte keinen Sinn», betonte er. «Sie hat wahllos Menschen getötet und Leben zerstört. Die Frage ist, wie wir nach der Katastrophe weiterleben, wie wir sinnvoll ein Jahr danach mit ihr umgehen.» Sinnstiftend sei es, anderen in Krisensituationen beizustehen.

Vor und nach dem Gottesdienst führten Steinmeier und Wüst persönliche Gespräche mit Angehörigen von Flutopfern. Dies geschah abgeschirmt unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

© dpa
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