Tödlicher Angriff bei CSD: Tatverdächtiger in U-Haft

Ein Angriff auf einen jungen Mann vor einer Woche bei einer Christopher-Street-Day-Versammlung in Münster geht tödlich aus. Am Samstag kommt der Tatverdächtige in U-Haft. Eine zweite Person wird noch gesucht. Ist Hass im Netz Nährboden für so brutale Gewalt?
Felix Adrian Schäper vom Verein Trans*Inter*-Münster kniet vor einer Fahne mit Gedenksteinen, die Menschen auf dem Hafenplatz ausgelegt haben. © David Inderlied/dpa

Nach der tödlichen Attacke auf einen 25-Jährigen bei einer Christopher-Street-Day-Versammlung in Münster muss der Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Der Haftrichter verhängte am Samstag U-Haft gegen den 20-Jährigen wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der Verdächtige war nach der Tat vor einer Woche geflüchtet und am Freitag festgenommen worden. Er habe sich bisher nicht zu den Vorwürfen geäußert, hieß es.

Der 20-Jährige soll bei der CSD-Versammlung am 27. August mehrere Frauen unter anderem mit den Worten «lesbische Hure» beschimpft haben und drohend auf sie zugegangen sein. Der 25-Jährige habe ihn gebeten, die Beleidigungen zu unterlassen. Doch der Täter schlug den Ermittlungen zufolge unvermittelt mindestens einmal mit der Faust auf den 25-Jährigen ein. Dieser sei zu Boden gegangen und mit dem Kopf auf dem Asphalt aufgeschlagen. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht, später ins künstliche Koma versetzt und starb am Freitagmorgen. Die Leiche sollte am Montag obduziert werden.

Der 20-Jährige war nach dem Angriff geflüchtet, aber von einer Ermittlerin der Mordkommission am Freitag am Hauptbahnhof in Münster erkannt und festgenommen worden. Seine Nationalität sei den Ermittlern bekannt, werde aber nicht genannt, sagte Oberstaatsanwalt Dirk Ollech der Deutschen Presse-Agentur. Es sei kein Zusammenhang zu sehen zwischen der Nationalität und der mutmaßlichen Tat. Ermittelt werde auch gegen einen unbekannten Begleiter des 20-Jährigen, der nach der Tat mit ihm geflohen sein soll und möglicherweise an den Beleidigungen beteiligt war. Hier gebe es bislang keine neuen Erkenntnisse, berichtete Ollech.

Eine CSD-Veranstaltung am Samstag in Dortmund mit rund 3000 angemeldeten Teilnehmern blieb ungestört. Der dortige Verein Slado hatte zu der Demo für Vielfalt und mehr Toleranz gegenüber jeglicher sexueller Orientierung aufgerufen. Zu dem Umzug in Hauptbahnhofnähe und einer Kundgebung kamen laut Polizei-Schätzung etwas mehr Personen als angemeldet. Es laufe «ruhig und problemlos», sagte ein Polizeisprecher.

Queerfeindliche Einstellungen werden nach Einschätzung des Lesben- und Schwulenverbands durch soziale Medien verstärkt. Schon seit vielen Jahren gebe es in der Gesellschaft solche menschenfeindlichen Einstellungen, die durch die «Echokammern» im Internet noch angeheizt würden, kritisierte René Mertens vom LSVD am Samstag auf WDR 5 im «Morgenecho». Soziale Medien tragen dazu bei, dass «homophobe Sprüche und queerfeindliche Ideologien» in Hass und Gewalt umschlagen, sagte Mertens.

Zum Fall Münster betonte der LSVD-Referent: «Das war wirklich eine queerfeindliche Gewalttat.» Auch bei CSD-Veranstaltungen in Berlin, Jena oder Bielefeld sei es zu Anfeindungen gekommen - Menschen seien attackiert, Regenbogenfahnen zerrissen worden. Der Verein Trans*Inter*-Münster hatte ebenfalls betont, es handele sich um einen queerfeindlichen Angriff, beim Getöteten um einen Transmann.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) schrieb auf Instagram: «Der Täter dieses grausamen Hassverbrechens muss zügig zur Verantwortung gezogen werden.» Es handele sich nicht um einen Einzelfall. «Das ist die traurige Folge von zunehmender Queerfeindlichkeit in unserer Gesellschaft, die viel zu oft tödlich endet.»

LSVD-Referent Mertens appellierte: «Wir brauchen die Solidarität der gesamten Gesellschaft.» Im rechtlichen und politischen Bereich habe es in den vergangenen Jahren viele Fortschritte gegeben. Aber bei den gesellschaftlichen Einstellungen und im Bildungsbereich sei noch viel zu tun.

Dem WDR-Bericht zufolge werden den Behörden in Durchschnitt täglich bundesweit etwa drei queerfeindliche Gewalttaten bekannt. Eine hohe Dunkelziffer komme hinzu - vieles werde nicht angezeigt.

Den Nährboden für die Tat biete eine in den vergangenen Monaten stark angestiegene Feindlichkeit gegenüber Transpersonen, vor allem in den sozialen Medien, warnte die Linke in NRW. Plattformen sozialer Medien sollten in die Pflicht genommen werden, konsequent gegen Hass im Netz vorzugehen. Und: «Justiz und Behörden müssen diese endlich konsequent verfolgen.»

Die Polizeipräsidentin von Münster, Alexandra Dorndorf, sagte: «Ich bin froh, dass die Festnahme des Tatverdächtigen nach dem brutalen Angriff am Rande des CSD noch am Freitag gelungen ist.» Münster stehe für Weltoffenheit, Vielfalt und Zivilcourage. «Der schreckliche Vorfall zeigt, wie wichtig es ist, dass wir diese Werte schützen und als Gesellschaft zusammenstehen.»

© dpa
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