Elbe hat zu wenig Sauerstoff: Für Fische tödlich

07.07.2022 Seit mehreren Wochen berichten Angler und Umweltverbände von toten Fischen in der Elbe. Der Grund: Im Fluss gibt es zu wenig Sauerstoff. Und das hat zahlreiche Folgen - auch für die kommenden Jahre.

Das Luftbild zeigt den Hamburger Hafen mit der Elbphilharmonie im Vordergrund. © Daniel Reinhardt/dpa/Archivbild

Obwohl die Sauerstoffwerte in der Elbe rund um Hamburg in den vergangenen Tagen leicht gestiegen sind, liegen sie noch immer in einem Bereich, der für Fische tödlich sein kann. Die Folgen sind mannigfaltig: Die Elbfischer fangen deutlich weniger, junge Seeschwalben an der Nordseeküste könnten ein Futterproblem bekommen und die Wiederansiedlung des Europäischen Störs könnte deutlich beeinträchtigt werden.

Die Sauerstoffsättigung im Hafen lag zuletzt bei rund 20 Prozent, wie David Kappenberg, Sprecher der Umweltbehörde, der Deutschen Presse-Agentur in Hamburg sagte. Das entspricht etwa 1,7 Milligramm gelöstem Sauerstoff pro Liter. An der Messstation Bunthaus wurden Werte von 1,5 Milligramm pro Liter gemessen, das entspricht einer Sauerstoffsättigung von 19 Prozent. Das ist deutlich zu wenig, wie Behörde und Umweltverbände betonen.

Damit sei die Elbe in Hamburg für Fische akut tödlich, sagte Tideelbe-Referentin Linda Kahl vom BUND Hamburg. «Das ist dramatisch. Bei Werten um 2,0 Milligramm pro Liter ist das Ersticken für alle Fischarten relativ sicher. Gerade die Jungfische sind absolut nicht in der Lage so zu navigieren, dass sie diesen Todeszonen ausweichen können.» Damit würden ganze Generationen aussterben.

«Es sind alle Fisch- und Neunaugenarten betroffen, die in der Tideelbe vorkommen», sagte Umweltbehörden-Sprecher Kappenberg. Eine quantitative Untersuchung sei indes aufgrund der kilometerweiten Ausdehnung des Sauerstofflochs nicht möglich. Die Zone mit geringen - weniger als 4,0 mg/l - und sehr geringen - weniger als 2,0 mg/l - Sauerstoffkonzentrationen innerhalb der Hamburger Tideelbe erstrecke sich aktuell über eine Strecke von etwa 45 Kilometern.

Als mögliche Ursache für den Sauerstoffmangel nennt die Behörde mehrere Gründe: In den schiffbaren Tiefen der Tideelbe ist es unterhalb von einem Meter zu dunkel für sauerstoffproduzierende Photosynthese. Die deshalb absterbenden Algen verbrauchen stattdessen Sauerstoff. Ist es dazu warm und sonnig, wird der Prozess beschleunigt. Im Sommer sei das regelmäßig in der Elbe zu beobachten, «wobei die Ausprägung in diesem Jahr besonders kritisch ist», so Kappenberg.

Zudem bleibe derzeit das eigentlich hilfreiche sauerstoffreiche Wasser aus der Mittelelbe aus. Das bei Ebbe nach Hamburg fließende Wasser aus dem Stauwehrbereich Geesthacht habe aktuell ebenfalls eine sehr niedrige Sauerstoffkonzentration, so Kappenberg.

Im schlimmsten Fall könne das derzeitige Massensterben enorme Auswirkungen auf die Wiederansiedlung des Europäischen Störs haben, sagte Kappenberg. «Der aktuelle Bestand dieser Art beschränkt sich auf wenige hundert Exemplare, verteilt über nur wenige Altersstufen. Störe werden erst mit circa 15 Jahren geschlechtsreif. Entsprechend gravierend kann der Ausfall bereits weniger fortpflanzungsreifer Tiere sein.»

Auch der Stint ist wichtig für das Ökosystem, weil er wichtige Nahrungsgrundlage unter anderem für Seeschwalben an der Nordseeküste ist. «Da der Stint im Bereich der Hamburger Tideelbe laicht und die Jungfische dieses Jahrgangs wahrscheinlich größtenteils aufgrund des Sauerstoffmangels gestorben sind, fehlt in wenigen Wochen das Futter für die geschlüpften Seeschwalben.» Zudem fehlt es dann in zwei, drei Jahren an rückkehrenden laichreifen Stinten. «Es droht eine Abwärtsspirale beim Stintbestand, dann mit fatalen Folgen für das Ökosystem», so der Behördensprecher.

Die massiven Folgen des riesigen Sauerstofflochs spüren auch die Elbfischer. «Die Fänge und lokalen Fangmöglichkeiten haben sich seit Auftreten der Sauerstoffmangelsituation reduziert», sagte Kappenberg. Auch die lokalen Angel-Guides hätten deshalb ihre Angeltouren «teilweise eingestellt, zeitlich verschoben oder sind auf andere Gewässer ausgewichen».

Eine schnelle Lösung ist nicht in Sicht, sagte BUND-Referentin Linda Kahl. «Es gibt keine akute Lösung für die jetzt sterbenden Fische. Man kann nur versuchen, es nicht noch schlimmer zu machen, indem man aktuell keine Einleitungen, keine Umlagerungen und keine Ausbaggerungen vornimmt.»

Umweltverbände und der Anglerverband Hamburg forderten zuletzt den Wiederaufbau und die Erhaltung der Flachwasserzonen für die Elbe. Diese lichtdurchfluteten Zonen seien für ein gesundes Gewässer unerlässlich. Zudem solle die Elbvertiefung eingeschränkt werden, um den Fluss und sein gesamtes Biotop noch retten zu können.

Ansonsten sieht auch der Nabu-Hamburg-Vorsitzende Malte Siegert schwarz: «Wir haben ja schon über ein halbes Jahr eine tote Ems. Und wenn es so weiter geht, werden wir auch bald eine tote Elbe haben. Dieser Hafen in der Mitte ist ein totes Loch, nicht nur für die Fische, sondern auch für andere Organismen.»

© dpa

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