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Umgang mit Missbrauch: Druck auf Landesbischof wächst

Studien bescheinigen der Landeskirche Hannovers massive Fehler bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Betroffene fordern den Rücktritt von Bischof Meister. Und selbst Pastoren äußern sich kritisch.
Pressekonferenz Landeskirche Hannover - Ralf Meister
Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Kirche Hannover, nimmt an einer Pressekonferenz teil. © Moritz Frankenberg/dpa

Seit Jahren kritisieren Betroffene die schleppende Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der Landeskirche Hannovers. Zum Start der Landessynode, also der Tagung des Kirchenparlaments, wächst deshalb der Druck auf Landesbischof Ralf Meister.

In einem Brief fordern mehrere Betroffene den Rücktritt des Bischofs. «Wir haben als Kinder und Jugendliche sexualisierte Gewalt in Kirchengemeinden der Landeskirche Hannovers erlebt und uns deswegen zu verschiedenen Zeitpunkten in unserem Erwachsenenleben an die Kirche gewandt», heißt es in dem am Mittwoch bekanntgewordenen Schreiben.

Es habe viel Mut gekostet, das Schweigen zu brechen. «Leider sind wir dabei im Wesentlichen immer wieder enttäuscht worden. Unseren Hinweisen wurde auch seit 2010 nicht oder nur mit wesentlicher zeitlicher Verzögerung nachgegangen. Kirchengemeinden wurden nicht informiert.»

Landesbischof soll zurücktreten

Die Betroffenen-Initiative wirft Bischof Meister vor, er habe die Bedeutung des Themas sexualisierte Gewalt nicht erkannt. Solch ein Versagen gefährde auch «Kinder und Jugendliche, die heute kirchliche Angebote wahrnehmen, weil Strukturen von Gewalt nicht erkannt und nicht aufgeklärt werden».

Es sei Zeit, dass der Landesbischof die Konsequenzen ziehe. «Die einzige verantwortungsvolle Option ist der Rücktritt von Landesbischof Meister», schreiben die Betroffenen.

Mehrere Gremien der Kirche stellten sich daraufhin hinter Bischof Meister. Die Landeskirche Hannovers habe entscheidende Veränderungen eingeleitet und die Fachstelle Sexualisierte Gewalt gestärkt, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. «Als kirchenleitende Gremien sind wir überzeugt, dass Ralf Meister seiner Verantwortung als Landesbischof gerecht wird, auch, indem er Fehler im Umgang mit Betroffenen eingeräumt und konkrete Verbesserungen eingeleitet hat».

Aber die Betroffenen berichten von weiterhin negativen Erfahrungen mit der seit 2021 besser ausgestatteten Fachstelle. Dazu sagte Bischof Meister: «Wir haben eine Reihe weiterer Veränderungen seit Jahresbeginn geplant und zum Teil bereits umgesetzt. Das nimmt nichts weg vom Versagen auf unserer Seite, aber - auch angesichts der Solidarität seitens der kirchenleitenden Organe - ist die jetzige Situation für mich kein Anlass, zurückzutreten.»

Die Landeskirche Hannovers ist mit rund 2,3 Millionen Mitgliedern die mitgliederstärkste Landeskirche in Deutschland. Ihr Gebiet erstreckt sich über weite Teile Niedersachsens. Seit Mittwoch tagt die Landessynode im Kloster Loccum in der Nähe des Steinhuder Meeres. Am Freitagvormittag (7. Juni) steht das Thema sexualisierte Gewalt auf der Tagesordnung. Dann will auch Meister selbst Stellung nehmen.

Kritik aus den eigenen Reihen

Erstmals haben sich mehr als 200 Beschäftigte der Landeskirche Hannovers in einem gemeinsamen Brief an Landesbischof Meister und andere leitende Geistliche massive Kritik geübt. «Die Aufgabe, aufzuarbeiten und aufzuklären, liegt bei uns allen und muss jetzt proaktiv und klar übernommen werden. Auf Betroffene zu hören ist dabei der Dreh- und Angelpunkt», heißt es in dem Schreiben, über das zuerst die «Hannoversche Allgemeine Zeitung» berichtete.

Die Unterzeichner - mehrheitlich Pastorinnen und Pastoren - fordern nicht den Rücktritt von Meister, sondern einen Kulturwandel in der Kirche. «Wir hätten uns von Herrn Meister gewünscht, dass er von Anfang an offensiv mit den Vorfällen umgegangen wäre, von Anfang an Schuld eingestanden hätte und sich solidarisch mit den Betroffenen gezeigt hätte», sagte Susanne Paul, eine der fünf Sprecherinnen und Sprecher der Initiatoren, der dpa.

«Die Trauer, den Zorn und die Enttäuschung darüber, wie mit den Leidensgeschichten der Betroffenen umgegangen wurde, trifft mehr Menschen, als die Kirchenleitung zu ahnen scheint», ergänzte Sprecherin Ina Jäckel.

Der Brief zeige die große Beunruhigung unter beruflich und ehrenamtlich Tätigen, erklärte Bischof Meister dazu. «Wir sind uns darin einig, dass in der Vergangenheit große Fehler gemacht wurden. Deshalb schaffen wir jetzt mehr Stellen für Prävention und Aufarbeitung, erstellen in allen Kirchenkreisen Schutzkonzepte und verankern sie in unserem Handeln.»

Bischof räumte persönliche Fehler ein

Bereits im März hatte der Landesbischof persönliche Fehler im Umgang mit Betroffenen eingeräumt, jedoch einen Rücktritt von seinem Amt zum damaligen Zeitpunkt ausgeschlossen. Der 62 Jahre alte Theologe reagierte vor drei Monaten auf den Bericht einer Unabhängigen Aufarbeitungskommission zum Kindesmissbrauch in der König-Christus-Gemeinde in Oesede im Landkreis Osnabrück.

Meister sagte damals, er habe nach Abwägung und Gewissensprüfung trotz der von ihm begangenen Fehler entschieden, im Dienst zu bleiben. Wenn von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Vertreterinnen und Vertretern der Kirche Signale kommen würden, «dass die Glaubwürdigkeit massiv durch meine Person gefährdet ist, würde das für mich eine neue Situation ergeben».

Betroffene wurden von der Kirche alleingelassen

Schwere Versäumnisse hatten Ende Januar die Autoren der Forum-Studie Verantwortlichen in der evangelischen Kirche und in der Diakonie bundesweit bescheinigt. Laut der unabhängigen Untersuchung wurden Betroffene sexualisierter Gewalt in der Regel von der evangelischen Kirche alleingelassen.

Mindestens 2225 Betroffene und 1259 mutmaßliche Täter wurden dokumentiert. Dies ist der Studie zufolge jedoch nur die «Spitze der Spitze des Eisbergs».

Im Fall Oesede wird ein 2018 gestorbener Diakon der Gemeinde beschuldigt, mindestens acht Kinder teils schwer sexuell missbraucht zu haben. Oesede ist ein Ortsteil von Georgsmarienhütte im Landkreis Osnabrück.

Wie eine unabhängige Aufarbeitungskommission herausfand, vertuschten die Kirchen-Verantwortlichen die von Eltern geschilderten Taten in den 70er Jahren. Die Kommission sieht auch beim Landeskirchenamt Hannover «schwere Versäumnisse» bei der Aufarbeitung ab 2011.

© dpa ⁄ Christina Sticht, dpa
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