Tafeln in Niedersachsen stoßen an ihre Grenzen

Die Tafeln in Niedersachsen rutschen von einer Krise in die nächste: Erst Corona, nun der Flüchtlingszustrom aus der Ukraine. Die Organisationen stoßen mancherorts an ihre Grenzen und greifen zu ungewöhnlichen Maßnahmen.
Obst und Gemüse in Kisten liegen in einem Regal der Göttinger Tafel e.V. © Swen Pförtner/dpa/Archivbild

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Flüchtlingszustrom aus der Ukraine belasten die Tafeln in Niedersachsen und Bremen. An einigen Standorten können bereits keine neuen Kunden mehr aufgenommen werden. Einerseits fehle es an Lebensmitteln und freiwilligen Helfern, andererseits sei die Zahl der Bedürftigen aktuell immens, sagte etwa der Vorsitzende des Tafel-Landesverbandes Niedersachsen/Bremen, Uwe Lampe.

«Eine derartige Zunahme bei den Kunden hat es so noch nicht gegeben», sagte Lampe. Zwar sei der Umgang mit großen Mengen von Flüchtlingen den Tafeln etwa aus dem Jahr 2015 bekannt. Anders als vor sieben Jahren sei die Flüchtlingswelle aus der Ukraine aber viel abrupter. Genaue Landeszahlen zur Zunahme bei den Tafelkunden gebe es nicht.

Einen Eindruck vermittelt die Tafel Göttingen. Dort ist die Zahl der Bedürftigen seit Anfang März von rund 900 auf etwa 1500 Menschen angestiegen. «Seit Mitte März haben wir einen stetigen Zustrom», sagte Geschäftsleiter Moritz Wiethaup. Um alle Menschen versorgen zu können, seien bereits die Öffnungszeiten ausgeweitet worden. Dennoch stößt die Einrichtung an ihre Grenzen.

Durch die Pandemie seien Mitarbeiter verloren gegangen, zudem würden die Ehrenamtler immer wieder mit Infektionen ausfallen. Gleichzeitig fehlt es an genügend Lebensmitteln, um alle Bedürftigen ausreichend zu versorgen. «Wir haben uns deshalb vorübergehend dazu entschieden, Lebensmittel zuzukaufen», sagte Wiethaup. Das gab es in der rund 25-jährigen Geschichte der Göttinger Tafel noch nie - und es widerspricht eigentlich den Grundsätzen der Tafeln. «Der Anspruch der Tafeln ist es nicht, Grundversorger der Menschen zu sein, gleichzeitig ist es aber unser Ziel, unsere Kunden spürbar zu entlasten», erklärte Wiethaup.

Zwar gebe es eine große Spendenbereitschaft in der Bevölkerung. Die Menge der Großspenden von einzelnen Supermärkten könne jedoch nicht einfach erhöht werden. In Göttingen versucht die Tafel deshalb, mit zusätzlichen Betrieben Kooperationen aufzubauen. Spenden direkt von den Lebensmittelherstellern würden zudem aktuell oft direkt in die Ukraine geschickt, ergänzte Lampe.

Zur weiteren Entlastung der Tafeln plädierte der Verbandschef bereits vor einigen Wochen für eine anteilige Auszahlung der Flüchtlings-Sozialleistungen in Form von Einkaufsgutscheinen. «Um den Ukrainern deutlich zu machen, dass die Tafeln nicht die Grundversorger sind. Hier scheint es immer wieder Missverständnisse zu geben.» Darüber hinaus seien die ukrainischen Flüchtlinge grundsätzlich willkommen bei den Tafeln. Helfen könnten zudem auch gespendete Lebensmittelgutscheine von Supermärkten. Diese könnten Tafeln ausgeben, wenn die eigenen Vorräte erschöpft sind. «Darüber wird aktuell in der Branche gesprochen», sagte Lampe.

© dpa
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