Hintergrund des Steinwurfs auf Synagoge weiter unklar

150 Menschen beteten in einer Synagoge, als es plötzlich klirrte: Ein Unbekannter hatte mit einem harten Gegenstand eine Scheibe eingeworfen. Die jüdische Gemeinschaft ist geschockt, die Polizei ermittelt - tappt aber noch im Dunkeln.
Mitarbeiter der Spurensicherung sichern Glasscherben des beschädigten Synagogenfensters. © Julian Stratenschulte/dpa

Nach der Beschädigung eines Fensters einer Synagoge in Hannover am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur dauern die Ermittlungen der Polizei an. Neue Erkenntnisse gebe es noch nicht, teilten die Beamten am Donnerstagmorgen mit. Zahlreiche Politiker, Verbände und Kirchengemeinschaften zeigten sich entsetzt und verurteilten die Tat.

Nach bisherigen Ermittlungserkenntnissen wurde am Mittwochabend die Scheibe der Synagoge in Hannover beschädigt. In dem Gebäude beteten zu der Zeit rund 150 Menschen. Verletzt wurde niemand. Der Staatsschutz ermittelt. Bisher sind keine Angaben zu möglichen Tätern, einem Motiv oder dem Tathergang bekannt. Auch der Gegenstand, mit dem die Scheibe zerstört wurde, wurde noch nicht entdeckt. «Wir ermitteln mit Hochdruck in alle Richtungen», sagte eine Sprecherin der Polizei am Donnerstag.

«Wir waren alle auf das Gebet konzentriert, irgendwann gegen 19.00 Uhr haben wir einen Knall gehört», berichtete Arkadij Litvan, Mitglied im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Hannover. Nach der Alarmierung der Polizei hätten die Gläubigen ihr Gebet fortgesetzt. «Wir lassen uns von diesen Bekloppten nicht stören», sagte er.

Vor drei Jahren gab es in Halle (Saale) während des gleichen Feiertags einen Anschlag auf eine Synagoge, der zwei Todesopfer in der Stadt zur Folge hatte. Jom Kippur fällt von Jahr zu Jahr auf unterschiedliche Daten im September oder Oktober.

Politiker, Glaubensgemeinschaften und Verbände verurteilten den Steinwurf. «Ich verurteile ihn aufs Schärfste», sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Die jüdische Gemeinde in Deutschland sei schockiert. «Mut geben uns die vielen Solidaritätsbekundungen aus der Zivilgesellschaft und der staatlichen Institutionen.»

«Dieser Angriff auf die Synagoge in Hannover am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur ist entsetzlich und schockierend», sagte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). «In Niedersachsen ist kein Platz für Antisemitismus, wir stehen fest an der Seite unserer jüdischen Bürgerinnen und Bürger.»

Die Tat sei «ein hässliches Zeichen für den zunehmenden Antisemitismus in unserem Land», sagte Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU). «Mit großer Sorge erfüllt uns, dass solche Angriffe nicht nur weiter zunehmen, sondern auch in immer kürzeren Abständen geschehen», teilte der Vorstand der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland mit.

In den vergangenen fünf Jahren ist die Zahl der polizeilich erfassten antisemitischen Delikte in Niedersachsen von 140 im Jahr 2017 auf 269 in 2021 gestiegen, wie das Niedersächsische Innenministerium mitteilte. Der Großteil der Straftaten habe im Bereich der Volksverhetzung in Form von Hasspostings im Internet gelegen. Seit der Einrichtung einer Zentralstelle für Hasskriminalität im Internet im Jahr 2019 habe sich die Fallzahl in diesem Bereich erhöht.

Der Fall zeige, wie wichtig ein konsequentes Vorgehen gegen alle Erscheinungsformen von Antisemitismus sei, sagte Niedersachsens Antisemitismusbeauftragter Franz Rainer Enste. Auch die Amadeu Antonio Stiftung sieht eine Zuspitzung der Judenfeindlichkeit in Deutschland, wie ein Sprecher bei der Vorstellung eines neuen «Lagebilds Antisemitismus» am Donnerstag sagte. «Zugespitzt kann man sagen, Antisemitismus wird inzwischen in Deutschland eine Bühne bereitet.»

«Ich fühle mich nicht unsicher. Ich weiß, dass wir uns auf die Polizei verlassen können», sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Hannover, Michael Fürst. Er kritisierte allerdings, dass das Kultusministerium früher Geld für den Schutz jüdischer Einrichtungen hätte bewilligen müssen: «Das hat ein bisschen zu lange gedauert.» Im Sommer bewilligte das Ministerium fünf Millionen Euro. Ein Teil des Geldes soll in Hannover in neue Sicherheitsfenster- und zäune investiert werden.

Es sei unerträglich und nicht hinnehmbar «dass unsere jüdischen Schwestern und Brüder im Ausüben ihres Glaubens an ihrem heiligen Ort bedroht werden», sagte der Regionaldechant der Katholischen Kirche in der Region Hannover, Christian Wirz. Ähnlich äußerten sich auch evangelische und muslimische Vertreter.

Der Botschafter Israels in Deutschland, Ron Prosor, twitterte, wer einen Stein werfe, zögere «auch nicht, eine Kugel abzufeuern». Jüdinnen und Juden müssten sich in Deutschland sicher fühlen, besonders in ihren Gotteshäusern, verlangte Prosor und schrieb: «Ich bin sicher, die Behörden werden die Täter schnell festnehmen.»

Am Mittag kamen zahlreiche Politiker zur Synagoge, um sich ein Bild zu machen, darunter Oberbürgermeister Belit Onay, die Integrationsbeauftragte Doris Schröder-Köpf und der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil.

© dpa
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