Studierende suchen weiter psychologische Hilfe

10.06.2022 Im Lockdown lernten viele Studenten ihre Uni von innen noch gar nicht kennen. Einige vereinsamten und suchten Hilfe. Nun atmen sie auf. Ängstliche sind dagegen oft überfordert mit vollen Hörsälen.

Eine Frau steht in ihrer Wohnung am Fenster. © Fabian Sommer/dpa/Illustration

Trotz der Rückkehr zur Präsenzlehre ist der Bedarf von Studenten und Studentinnen an psychologischer Beratung nach wie vor enorm. «Die Nachfrage ist groß, wir können ihr nicht wirklich nachkommen», sagt Psychotherapeutin Christiane Maurer von der Psychologisch-Therapeutischen Beratungsstelle für die Hochschulen in Hannover. Zwar sei ein Großteil der Studierenden nach zwei Jahren Online-Lehre in der Corona-Pandemie einfach nur erleichtert, Kommilitonen und Lehrende zu sehen, Bibliotheken und Mensen zu nutzen.

Eine kleine Gruppe, die nicht nur in eine depressive Stimmung, sondern in eine Erkrankung gefallen ist, brauche weiter Hilfe. Zudem komme die Gruppe der sozial Ängstlichen hinzu, für die Online eine Entlastung war. «Ihnen fällt die Rückkehr besonders schwer», bestätigt Maurer. Für sie sei das Hochschulleben mit teils vollen Hörsälen eine Herausforderung. Zumal an einigen Orten wie der Leibniz-Uni in Hannover nach Pfingsten die Maskenpflicht gefallen ist. Die 3G-Regel gilt weiter, es wird aber nicht mehr kontrolliert.

In Lüneburg gilt weiter die Maskenpflicht bei Veranstaltungen, zudem wurden die Corona-Regeln schon für den nächsten Winter angepasst. Wenn die Infektionszahlen wieder hochschnellen, können Prüfungen im Homeoffice abgelegt werden. Die psychologische Beratung der Hochschule ist immer noch überlastet. «Wir haben eine lange Wartezeit. Das sollte gerade bei niedrigschwelliger Erstberatung nicht sein», sagt der Sprecher des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta), Johannes Krüger.

«Wir bemerken, dass Probleme, die sich im Rahmen der Digitallehre ergeben haben, teilweise noch gegenwärtig sind oder sich sogar chronifiziert haben: So haben viele Studierende nicht gelernt, sich rund um ihr Studium zu strukturieren», heißt es aus der Psychotherapeutischen Beratung in Lüneburg. Es fehle an Alltagsroutinen, viele Klienten hätten eine ungesunde Mediennutzung etabliert oder Essstörungen entwickelt. Auch der Konsum von Alkohol und Drogen sei gestiegen.

Auch in Braunschweig wurde festgestellt, dass die Umstellung immens ist: Durch das Hybridverfahren gibt es sowohl Präsenz- als auch Onlinelehre. Das erfordere eine genaue Planung und einen regelmäßigen Überblick, was wann wo und wie stattfindet. Es gibt wieder Partys - im sozialen Leben wird vieles nachgeholt. Das wiederum führe bei manchen zum Stress, alles unter einen Hut zu bekommen oder sich schlecht zu fühlen, weil man zu wenig Menschen kennengelernt hat.

Erstgesprächstermine in Osnabrück gibt es derzeit auch nicht, so überlastet ist die Anlaufstelle. «Es ist nicht abzusehen, wann es sich bessert», sagt Anke Pape von der Psychosozialen Beratungsstelle im Studentenwerk. «Die Probleme sind nicht weniger geworden, viele Kontakte sind hinten runtergefallen.»

In Oldenburg ist einiges besser geworden. «Für die Studierenden, die in den vergangenen Semestern an Einsamkeit und digitaler Monotonie gelitten haben, hat sich die Situation durch die Präsenzlehre deutlich verbessert und entspannt», sagt Wilfried Schumann, Leiter des Psychologischen Beratungsservice. Schwierig sei die Rückkehr auf den Campus für diejenigen Studierenden, die während der Corona-Phase «sozialphobische Symptome» entwickelt haben oder auch davor schon mit entsprechenden Problemen zu kämpfen hatten. «Für diese Menschen sind gut gefüllte Lehrveranstaltungen gewöhnungsbedürftig.»

© dpa

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