Polizei untersucht Tatorte künftig virtuell

Mit der VR-Brille am Ort des Verbrechens - virtuell sollen die Ermittler Tatorte in Niedersachsen wieder und wieder prüfen können, in allen Details. Und noch etwas anderes beschäftigt Innenminister Pistorius.
Boris Pistorius (SPD, l), Innenminister von Niedersachsen, steht im Tagungs- und Informationszentrum der Polizei. © Michael Matthey/dpa

Was wäre, wenn die Polizei an einem Tatort etwas übersieht? Einfach später erneut nachschauen - schwierig, wenn dieser Tatort längst schon wieder öffentlich zugänglich ist. Auch die Erinnerung dürfte wenig weiterhelfen und vor Gericht auch kaum anerkannt werden. Die Lösung: Der virtuelle Blick.

Künftig solle die Tatortbegehung per Virtual-Reality-Brille möglich sein, sagte Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius am Montag in Hannover. Die dafür notwendigen Aufnahmen vom Tatort sollten vom Dokumentationssystem «Pixplorer» kommen, mit dem alle 28 Fachkommissariate Forensik flächendeckend ausgerüstet werden sollen, sagte der SPD-Politiker. Ziel sei, Tatorte professioneller zu dokumentieren, die Beweisführung zu verbessern und auch Unfallorte rekonstruieren zu können.

Pistorius selbst probierte das Gerät aus - und erhielt darauf ein virtuelles Bild des Saales, in dem er sich befand: «Das ist meine erste VR-Brille», sagte er. «Man kann ganz anders draufgucken als auf Fotos. Man kann auch gehen, solange ich nicht vor die Wand laufe.» Dann eine andere Umgebung - ein per 3D-Scan erfasstes Gebäude: «Das ist eine andere Nummer als der langweilige Saal hier», meinte Pistorius. «Man kann hereingehen und in den letzten Winkel schauen.»

Der Vorteil der neuen Technik: Die Beamten könnten sich nachträglich am Tatort bewegen, Abstände nachträglich messen und Gegenstände betrachten, erklärte Pistorius. Die zweidimensionalen Aufnahmen würden per Bearbeitungs- und Darstellungssoftware so aufbereitet, dass sich der Betrachter mit VR-Brille interaktiv am Tatort bewegen könne. Um das entsprechende Abbild zu erstellen, benötige die Technik pro Standort drei Minuten. Gäbe es 3D-Daten von bestimmten Gebäuden, könnten diese zur Vorbereitung von SEK-Einsätzen dienen, außerdem könnten die Beamten an unterschiedlichen Orten zeitgleich trainieren.

Außerdem sprach Pistorius am Montag über eine Mitarbeiterbefragung, die zeige, dass sich die Arbeitszufriedenheit bei der Polizei verbessert habe. Insgesamt hätten sich Ende 2021 über 14 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Polizei an der Umfrage beteiligt. Das seien 60 Prozent der Gesamtbelegschaft, sagte Landespolizeidirektor Ralf Leopold. Demnach äußerten 67 Prozent der Befragten eine hohe Zufriedenheit mit der Arbeit - nach 62 Prozent im Jahr 2018. 41,1 Prozent hätten angegeben, dass die Personaldecke nicht ausreiche - 2018 seien es fast 50 Prozent gewesen. Pistorius sagte, es habe nie mehr Polizeibeamte in Niedersachsen gegeben als heute. Dennoch: «Wir werden mit Sicherheit nicht aufhören, Polizisten einzustellen und auszubilden.»

Pistorius betonte, die steigende Beteiligung an der Umfrage beweise, dass viele Polizeibeschäftigte darin eine Chance sehen. 2018 habe die Beteiligung noch bei 51,9 Prozent gelegen, insgesamt beteiligten sich damals knapp 12 000 Beschäftigte. Bei hoher Belastung der Beamten, etwa im Falle von Ermittlungen zu Kindesmissbrauch und Kindern als Verbrechensopfern, «sind wir aktuell bereits dabei, einen Ausgleich über die Erhöhung von Sonderurlaub für die mit diesem Deliktbereich beschäftigten Kolleginnen und Kollegen zu ermöglichen», sagte er.

Um die Arbeit der Polizei zu erleichtern, sollen moderne und smarte Lösungen für die Polizeiarbeit künftig von einem eigenen Expertenteam, dem Innovation Hub, kommen. In der «Ideenschmiede» arbeiten den Angaben zufolge zum Start 15 IT-Fachleute mit Polizeibeamten zusammen. «Wir müssen ausprobieren und sehen, was funktioniert», sagte Pistorius. Ähnliche Initiativen gebe es sonst nur in Nordrhein-Westfalen und Hessen.

© dpa
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