Miesmuschelernte bleibt bisher hinter den Erwartungen zurück

Im Wattenmeer vor Schleswig-Holstein und Niedersachsen gehen die Muschelfischer derzeit wieder auf Fang. Eigentlich dürfte man von Fischen aber gar nicht mehr sprechen, findet der Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft.
Ein Besatzungsmitglied eines Muschelfangkutters nimmt einen Korb mit Miesmuscheln in Empfang. © Frank Molter/dpa

Die diesjährige Miesmuschelernte ist nach Angaben der Erzeugergemeinschaft in Schleswig-Holstein bisher hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Zwar seien ausreichende Mengen auf den Bodenkulturen vorhanden, doch der Fleischgehalt der Muscheln ist geringer als in den Vorjahren, teilte die Erzeugerorganisation der schleswig-holsteinischen Muschelzüchter am Donnerstag in Hörnum auf Sylt mit. Der Fleischgehalt ist wesentlicher preisbestimmender Faktor. Den Angaben zufolge werden in der hiesigen Zucht normalerweise gut 30 Prozent Fleischanteil erreicht, diese Saison startete jedoch mit lediglich rund 25 Prozent.

Die Erzeugergemeinschaft in Schleswig-Holstein führt die geringere Fangmenge in diesem Jahr auf das relativ kalte Wasser in den Monaten April bis Juni zurück. In dieser Zeit bekämen die Muscheln normalerweise einen entscheidenden Wachstumsschub, sagte der zweite Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft, Torben Wagner. Die Hochsaison läuft noch bis etwa Ende September. «Doch bisher haben wir lediglich durchschnittliche Kilopreise von rund 1,60 Euro erreicht, während es in den Vorjahren deutlich über zwei Euro waren», sagte Wagner. Diese Diskrepanz werde man im Rest der Saison nicht wettmachen können. Für das Jahr 2023 sei der Ausblick hingegen positiver. «Nächstes Jahr dürften wir wieder größere Mengen dreijähriger Muscheln mit mehr Fleischgehalt anbieten können.» Die Bestände dafür seien vorhanden.

Im Rekordjahr 2019 wurden nach Angaben der Erzeuger 19.500 Tonnen Miesmuscheln angelandet. Der Durchschnittspreis lag bei 2,02 Euro. In diesem Jahr rechnen die Muschelfischer mit einer Anlandemenge von rund 11.000 Tonnen, nach 9200 Tonnen im vergangenen Jahr. Die vor Sylt geernteten Miesmuscheln werden zum allergrößten Teil vom Hörnumer Hafen aus direkt mit Kühllastern zur Weiterverarbeitung in die Niederlande gebracht, wie Wagner sagte. Seit einigen Jahren gibt es aber verstärkte Bemühungen, einen Teil der Muscheln direkt vor Ort zu vermarkten.

Insgesamt gibt es fünf Muschelfischer-Betriebe in Schleswig-Holstein. Richtigerweise dürfte man das Wort «Muschelfischen», aber eigentlich nicht mehr gebrauchen, findet der Vorsitzende der Erzeugergemeinschaft Heinz Maurus. Denn die Miesmuscheln im schleswig-holsteinischen Wattenmeer werden in sogenannten Saatmuschelgewinnungsanlagen (SMA) vor Büsum und Sylt gezogen und später in Kulturbezirke umgesetzt und nach zwei bis drei Jahren geerntet.

Jahrelang gab es Streit um die Muschelfischerei im Nationalpark Wattenmeer, bis es 2015 zum sogenannten «Muschelfrieden von Tönning» kam. Die Kulturfläche, auf der die Muschelfischer wirtschaften durften, wurde reduziert. Davon dürfen seitdem 250 Hektar für Saatmuschelgewinnungsanlagen genutzt werden. Die Fischerei auf wildlebende junge Besatzmuscheln ist dafür eingeschränkt. Die Vereinbarung gilt zunächst bis Ende 2031. «Zurzeit sind wir mit den Gegebenheiten noch ganz zufrieden, können nachhaltig wirtschaften und ein regionales Produkt mit Premiumqualität heranziehen», sagte Maurus. Was die Zukunft bringe, werde man in den kommenden Wochen nach der Auswertung einer neuen Riffkartierung sehen.

Eine Zwischenbilanz für die vier niedersächsischen Muschelfischer mit ihren fünf Kuttern liegt noch nicht vor. Unter dem Strich konnten in den vergangenen Jahren aber vergleichsweise nur noch geringe Mengen Muscheln angelandet werden. Die niedersächsischen Fischer führen dafür unter anderem den schlechten Zustand der niedersächsischen Muschelkulturen an. Die Muschelfischer fürchten, dass Kulturen auch durch die Energiewende verloren gehen, etwa wenn Stromkabel durch die Nordsee verlegt werden. Auch die Baggerungen für das geplante LNG-Terminal in Wilhelmshaven sehen die Muschelfischer kritisch.

© dpa
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