Getötete Ehefrau: Angeklagter spricht von «totalem Blackout»

Ein 62-Jähriger muss sich vor dem Landgericht Hannover wegen Mordes und versuchten Mordes verantworten. Im Gerichtssaal bestreitet der Angeklagte, die Tötung seiner Frau geplant zu haben.
Der Angeklagte kommt zum Prozessauftakt in einen Saal vom Landgericht Hannover. © Michael Matthey/dpa

Weil er seine Ehefrau mit mindestens 13 Messerstichen getötet haben soll, steht seit Freitag ein 62-Jähriger vor dem Landgericht Hannover. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann heimtückischen Mord aus Habgier vor. Er soll im Juni 2022 in der gemeinsamen Wohnung auf seine Partnerin eingestochen haben. Zuvor hatte die 57-Jährige laut Anklage ihrem Mann gesagt, dass sie sich von ihm trennen wollte. Die Frau verblutete.

Der Angeklagte sagte schluchzend im Gerichtssaal, er wünsche, er könne die Uhr zurückdrehen. «Ich habe meine Frau geliebt. Ich habe alles für sie eingesetzt», sagte der in Deutschland aufgewachsene Türke. An den Messerstich könne er sich nicht erinnern. Es sei ein «totaler Blackout» gewesen. Seine Erinnerung setze erst wieder ein, als die Polizei ihn in Gewahrsam genommen habe.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft brachte er nach der Tat Gold und Bargeld seiner Frau in den Laden eines Bekannten, um die Wertgegenstände dort für seine Kinder zu hinterlegen. Danach trank er viel Alkohol und rief selbst die Polizei. In dem Notruf sprach er davon, dass er seine Frau verletzt habe. Zwei Streifenwagen fuhren daraufhin zur Anschrift des Paares. Dem Mann wird auch versuchter Mord vorgeworfen. Er soll mit einem Messer einen Polizisten im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses angegriffen haben, der Stich prallte an der Schutzweste ab.

Die Ermittler konnten Teile des Streits unmittelbar vor der Küchenmesser-Attacke rekonstruieren, weil die Tonaufnahme eines Handys existiert. Demnach forderte der Angeklagte beim Gespräch am Frühstückstisch seine Frau auf, ihn für die Mühe zu entschädigen, ihr eine Aufenthaltserlaubnis zu verschaffen. Er verlangte auch einen finanziellen Ausgleich für einen Deutschkurs sowie die Rückgabe des geschenkten Goldes. Die Frau sprach dagegen von einer Schadenersatzklage. Aus Sicht der Verteidigung war die Tat nicht geplant und auch nicht heimtückisch oder aus Habgier.

Der Angeklagte sei «quasi explodiert», als er von seiner Frau erheblich beleidigt worden sei, sagte der Rechtsanwalt des 62-Jährigen. Ihm sei es auch schwer gefallen, sich zu verteidigen, weil er nicht so gut Türkisch spreche.

Die Tochter der Getöteten tritt als Nebenklägerin in dem Prozess auf. Bei ihrer Familie in der Nähe von München hatte die Mutter und Großmutter immer wieder einige Wochen verbracht.

Der Messerangriff ereignete sich am 8. Juni zwischen 10.08 und 10.13 Uhr. Um 13.13 Uhr klingelte die Polizei bei dem Mann, der nach Aussage der Beamten sofort aus der Wohnungstür stürmte und einen der Polizisten attackierte. Etwa zweieinhalb Stunden später auf der Wache wurden laut Anklage knapp 1,8 Promille Alkohol im Blut des mutmaßlichen Mörders nachgewiesen.

Der Vorsitzende Richter und die Oberstaatsanwältin befragten den Angeklagten ausführlich zu seinem Trinkverhalten. Dass er schon morgens und auch während der Arbeit Alkohol trank, sieht der 62-Jährige nicht als Problem. «Ich fühle mich dann stärker und auch konzentrierter.» In fast 20 Jahren bei Volkswagen, zuletzt als Anlagenführer im Karosseriebau, habe er sich nie etwas zu Schulden kommen lassen, beteuerte der Mann.

Am ersten Prozesstag wurden mehrere Polizisten als Zeugen gehört, darunter auch der attackierte Beamte. Der Angriff sei relativ flüssig erfolgt, der Angeklagte habe dabei nicht traurig, sondern selbstbewusst gewirkt, sagte der 26-jährige Polizist als Zeuge im Gerichtssaal. Nachdem die drei Kollegen den Angreifer überwältigt und gefesselt hätten, habe er sinngemäß gesagt: «Warum habt ihr mich nicht erschossen, nicht abgeknallt?»

© dpa
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