Mehr Windkraft-Repowering: Flächenziel prinzipiell möglich

Einfachere Genehmigungsverfahren sollen dem Ausbau der Windenergie helfen - ebenso wie mehr Anreize für Investoren. Nicht immer müssen es jedoch komplette Neubauten sein. Und auch die Flächenziele für zusätzliche Windparks hängen an einigen Bedingungen.
Windenergieanlagen stehen auf einem Feld. © Marcus Brandt/dpa/Symbolbild

Für den beschleunigten Ausbau der Windkraft in Deutschland gibt es grundsätzlich genügend Flächen für neue und Möglichkeiten zum Ersatz älterer Anlagen. Zu diesen Einschätzungen kommen eine Studie im Auftrag des Wirtschafts- und Klimaschutzministeriums sowie der Prüfkonzern Tüv Nord. Die Politik müsse allerdings weiter darauf achten, dass das angestrebte höhere Tempo bei der Erweiterung der Windkraft-Leistung an Land wohl nur mit Kompromissen im Landschaftsbild und im Naturschutz möglich sei.

Nach Auffassung des Tüv Nord dürfen Ersatz und Nachrüstung älterer Windkraftanlagen außerdem nicht vernachlässigt werden. Das sogenannte Repowering biete großes zusätzliches Potenzial, um die Energiewende schneller umzusetzen, sagte Vorstandschef Dirk Stenkamp am Mittwoch. Man dürfe es «nicht aus den Augen verlieren, weil es abseits vom Bau neuer Anlagen eine wichtige Rolle spielen kann». Das Unternehmen mit Hauptsitz in Hannover ist eine der drei großen Tüv-Gruppen. Es begutachtet auch Windkraftanlagen und berät bei Energieprojekten.

Der Ökoanteil aus Wind-, Solar-, Biomasse- und Wasserkraft an der Stromproduktion in Deutschland soll in den nächsten Jahren deutlich steigen. Bis 2030 sollen nach Plänen von Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck (Grüne) 80 Prozent der gesamten Elektrizität aus erneuerbaren Quellen kommen, bis 2035 sollen es fast 100 Prozent sein. 2021 waren es nach Branchenangaben etwa 42 Prozent.

«Die Ausbauziele der Ampel-Koalition sind aus heutiger Sicht sehr ambitioniert und herausfordernd», hieß es dazu beim Tüv Nord. Lange verlief es schleppend. Ältere Windräder drohten zwischenzeitlich ganz aus der Förderung zu fallen. Diese glich die Differenz zwischen Ausgaben und Einnahmen aus - also den festen Einspeisevergütungen für die Ökostromerzeuger und den an der Strombörse erzielten Erlösen.

Die EEG-Umlage, die den Ausbau über die Beteiligung der Verbraucher mitfinanzierte, fällt in ihrer bisherigen Form zum 1. Juli weg. Das soll Haushalte und Industrie entlasten, erfordert aber gleichzeitig eine veränderte Struktur der Ökostrom-Subventionierung. So sollen Einnahmeausfälle künftig aus einem Energie- und Klimafonds beglichen werden. Schon zum Jahresbeginn waren Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt in eine Umlagesenkung geflossen. Ausschreibungsregeln ändern sich.

Der Tüv-Nord-Chef forderte, auch für das Repowering müsse man andere Anreize schaffen. Überdies sollten hier - wie im Anlagenneubau - Genehmigungsverfahren «massiv verkürzt» werden. Gegen zusätzliche Windparks gibt es oft Widerstand von Anwohnern oder Naturschützern.

Beim Repowering führte 2021 Schleswig-Holstein die Liste der Bundesländer an. Brandenburg lag an der zweiten, Niedersachsen an der dritten Stelle. Nach Angaben des Landesverbands Erneuerbare Energien wurden im Nordwesten - insgesamt wichtigste deutsche Windkraftregion - gerade einmal zwölf Anlagen repowert. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, sein Land wolle sich als «Energieland Nummer eins» etablieren. «Das ist das Ziel - davor liegt jede Menge Arbeit.» Vor allem müsse man «das gesamte Verfahrensrecht einer Generalrevision übergeben», damit Planungen für Anlagen unkomplizierter werden.

Die Bundesregierung will, dass zwei Prozent der Fläche Deutschlands für den Bau von Windrädern ausgewiesen werden. Diesen Wert schaffen die meisten Bundesländer heute bei weitem nicht - generell wäre er laut einer Untersuchung für Habecks Ressort trotzdem erreichbar. Voraussetzung: Die Politik müsse bereit sein, die zugehörigen «Konfliktrisiken» hinzunehmen. Gemeint sind Auseinandersetzungen etwa zwischen dem Ausbau der Windkraft und dem Natur- und Artenschutz.

Auch würden die Festlegung sehr hoher Siedlungsabstände zu Windrädern sowie der Ausschluss von Waldflächen, Landschaftsschutzgebieten oder Flächen mit besonderer Bedeutung für das Landschaftsbild das Flächenpotenzial stark reduzieren und eine Erreichung des Ziels ausschließen - oder zumindest sehr unwahrscheinlich machen.

Die größten Potenziale zum Ausbau der Windenergie liegen der Studie zufolge nicht zwingend in Regionen, wo dieser bisher vornehmlich ablief. Zwar hätten Brandenburg und Niedersachsen sehr hohe Flächenpotenziale, jedoch lägen in absoluten Zahlen die höchsten in Bayern sowie weitere hohe in Baden-Württemberg, Thüringen und Hessen.

Durchgerechnet wurden zehn Szenarien - je nachdem, wie streng zum Beispiel Abstände von Windrädern zur Wohnbebauung und wie hoch die durchschnittlichen Windgeschwindigkeiten sind. In den Süd-Ländern weise ein hoher Anteil der Flächen weniger, aber voraussichtlich oft dennoch ausreichend gute Windbedingungen für den Anlagenbetrieb auf.

© dpa
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